WIR SOLLTEN HASS DURCH MITGEFÜHL BEGEGNEN

Es ist ein Jahr her. Anfang Dezember 2016 wurde ein Überwachungsvideo aus der Berliner U-Bahnstation Hermannstraße veröffentlicht, auf dem zu sehen ist wie ein junger Mann einer Frau in den Rücken tritt, die Frau stürzt daraufhin mehrere Treppenstufen hinab und bleibt am Fuß der Treppe liegen. Der Mann wendet sich ab, nimmt einen Zug an seiner Zigarette und verschwindet mit seinen drei Begleitern. Am 19. Dezember 2016 fährt der 24-jährige Tunesier Anis Amri, der als Flüchtling über Italien nach Deutschland gekommen ist, mit einem geklauten LKW in den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Er tötet 12 Menschen, viele weitere werden verletzt. In der Nacht zum ersten Weihnachtstag 2016 zünden sieben junge Männer, sechs Syrer und ein Libyer, im Berliner U-Bahnhof Schönleinstraße die Habseligkeiten eines schlafenden Obdachlosen an und nur das Eingreifen von Passanten kann verhindern, dass der Obdachlose schwer verletzt wird oder gar in dem Feuer zu Tode kommt.

Dies sind schreckliche, grausame Taten, die von jungen Männern begangen wurden, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Sie sind aus ihrer Heimat geflohen, da dort Krieg herrscht, Gewalt und Hoffnungslosigkeit und sie haben Zuflucht gesucht in Europa, bei uns in Deutschland. In ihrer Heimat fühlten sie sich nicht sicher, da sie Gewalt ausgeliefert waren und vom Tod bedroht, sie konnten sich keine Zukunft vorstellen, die ihnen ein Leben ermöglicht in Freiheit und in Würde.

Warum begegnen sie nun unserer Gastfreundschaft mit demselben Hass, mit derselben Grausamkeit und derselben Gewalt, vor denen sie geflohen sind?

Die Reaktionen auf diese Ereignisse sind mittlerweile ebenso wohlerprobt wie absehbar. Es werden Rufe laut nach mehr Sicherheit, nach Gesetzesverschärfungen, nach besserer Überwachung, nach Kameras auf öffentlichen Plätzen, nach Einschränkungen der Schweigepflicht für Ärzte, nach Überwachung der Internet- und Telefonkommunikation, nach mehr Kompetenzen für Sicherheitsbehörden und Geheimdienste. Gleichzeitig wird ein besserer Schutz der europäischen Außengrenzen gefordert und eine effektivere Abwehr von Flüchtlingen, eine konsequente Ausweisung abgelehnter Asylbewerber und schärfere Regeln für die Abschiebehaft für diejenigen, deren Asylbegehren abgelehnt wurde, die aber aus irgendeinem Grund nicht in ihr Herkunftsland abgeschoben werden können.

Doch diese Forderungen und diese vermeintlichen Lösungen werden, auch wenn wir sie umsetzen, nicht dazu führen, dass wir sicherer leben oder dass solche Übergriffe und Anschläge seltener werden. Diese Lösungen werden nur erreichen, dass wir uns in unserem Wohlstand verkriechen und abschotten, wir werden blind für das Leid und die Not unserer Mitmenschen und verschließen die Augen vor der Realität um uns herum. Das wiederum schürt Ablehnung und Hass, denn die Verfolgten, die Armen und die Zurückgelassenen werden uns unsere Freiheit und unseren Wohlstand umso mehr neiden, je weniger Mitgefühl wir für sie und ihre Sorgen aufzubringen bereit sind.

Hinter diesen Forderungen verbergen sich keine Lösungen für die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen, sondern sie zeigen lediglich unsere Angst, unsere Hilflosigkeit und unseren Kleinmut. Wir sollten uns diesen Herausforderungen kraftvoll und selbstbewusst stellen, wir sollten uns aber bewusst sein, dass diese Aufgaben sich nur mit weitsichtigem Großmut und mit Respekt vor dem Leben und dem Leid unserer Mitmenschen lösen lassen. Niemand flieht freiwillig aus seiner Heimat, verlässt leichtfertig seine gewohnte Umgebung und begibt sich auf eine oft monatelange Odyssee als Flüchtling, oft mit wenig mehr Besitztümern als der Kleidung am Leib, um sich in einem fernen Land mit fremder Kultur, fremder Sprache, getrennt von seiner Familie und seinen Freunden niederzulassen, einsam und allein, schutzlos.

Wir sollten versuchen uns in die Lage dieser Menschen zu versetzen, wir sollten uns vorstellen, uns überlegen wie schwer unser Leben werden müsste, wie groß unsere Angst vor dem Tod, wie groß unsere Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, bevor wir unsere Heimat verlassen würden, um Schutz zu suchen in einem fremden Land. Und dann sollten wir diesen Menschen Schutz gewähren und sie als Gäste empfangen und beherbergen, ihnen mit Würde begegnen und mit Respekt wie sie auch uns empfangen würden, wären wir in so großer Not.
A. Supady, 14.12.2017

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