Was gibt´s Neues?

Es ist die immer gleiche Geschichte, die erzählt wird. Es ist die Geschichte von Ausgrenzung, Ablehnung und Zurückweisung. Was wird es Neues geben in 2018? Auf wen kann man vertrauen, wenn man auf der Flucht vor unerträglichem Leid ist? Wie sieht es heute an der Grenze zu Europa aus? Und was können wir tun?

Was gibt´s hier Neues? fragte er, da der Zöllner, nach einer geraumen Zeit, aus dem Hause trat. Landesherrliches Privilegium, antwortet dieser, indem er aufschloss.

Als der Pferdehändler Michael Kohlhaas in der Mitte des 16. Jahrhunderts durch Heinrich von Kleist eben diese Frage stellte, war das Ausmaß der Antwort für ihn und seine Familie furchtbar. Plötzlich beanspruchten Menschen das Recht für sich, Wege und Ziele bestimmen zu können. Ohne die entsprechende Zugangsberechtigung – kein Zutritt, kein Weiterkommen, keine Teilnahme.

Nun, was gibt´s Neues? fragte Kohlhaas bei sich selbst, und hielt mit den Pferden an. Der Burgvogt (…) kam, und fragte, schief gegen die Witterung gestellt, nach dem Passschein.

Als Grenzen wirkmächtiger und einflussreicher wurden, so dass Nationalstaaten diese mit immer höheren Mauern, mit Stacheldraht und Beamten festigten, war an eine Überquerung ohne einen Pass oder ein Identitätsdokument nicht mehr zu denken. Das 21. Jahrhundert ist geprägt von dem Begriff der Smart Borders, der intelligenten Grenze. Entry/Exit-Systeme, Registrierungsprogramme und Biometrie sind die bekannten Eckpfeiler einer systematischen Überwachung der europäischen Außengrenzen – und der Bewegungsprofile der Bürger*innen Europas selbst.

Kohlhaas fragte: der Passschein? Er sagte, ein wenig betreten, dass er, soviel er wisse, keinen habe; dass man ihm aber nur beschreiben möchte, was dies für ein Ding des Herrn sei: so werde er vielleicht zufälligerweise damit versehen sein.

Daneben verhandelt die Europäische Gemeinschaft jenseits der Smart Borders eine zunehmende Verlagerung, eine Externalisierung, eines völlig anderen Grenzsystems. Die Aufrüstung der sogenannten libyschen Küstenwache, das Vordringen eines europäischen Grenzraums bis weit in den Afrikanischen Kontinent hinein zeugen von einer wenig intelligenten, denn vielmehr archaischen Konzeption von Entry/Exit-Systemen. Dort erleben die Menschen auf der Flucht jene Gegebenheiten, die eigentlich an die Zeit von Michael Kohlhaas erinnern: Einfachste ökonomische Interessen formen die Durchlässigkeit von Grenzen, kurz: Wer Geld hat kommt weiter, wer kein Geld hat, bleibt zurück. Oftmals endet letztere Situation für den einzelnen Menschen in der Notwendigkeit des Verkaufs des eigenen Körpers, als Sklav*innen oder Sexarbeiter*innen.

Was gibt´s Neues? Der Jahreswechsel bringt doch so viele Vorsätze mit sich – doch nur die wenigsten finden ihre Umsetzung. Doch wir können etwas tun – wir können vielleicht nicht intelligenter und effizienter, aber doch eben menschlicher reagieren als so mancher Algorithmus der Smart Border dies vorsieht. Wir können uns daran erinnern, was jenseits der scheinbar schlauen Grenzen geschieht, wo das Leid der Menschen alltäglich ist und keine Überwachungskamera stetig analysiert. Und dann gibt es, mit Erich Kästner gesprochen, nur eine Losung für das Jahr 2018:

Es nützt nichts, und es schadet bloß, sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm! Und bessert Euch drauflos!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Name *