F.lotta. Flotilla. Und libysche Milizen. Ein weitreichender Raum und umstrittene Mobilisierung im Mittelmeer – ein umkämpfter Ort der Menschenrechte.

Einsatzbericht  8 – 2025 (6.9.25-27.9.25) verfasst von Jelka Kretzschmar, Co-Skipperin und Einsatzleitung

Die NADIR wurde im Jahr 2025 zweimal blockiert, und obwohl das Ende unseres Einsatzjahres naht, gewöhnen wir uns gerade erst wieder an den operativen Alltag. Die Eskalationen auf politischer und zwischenmenschlicher Ebene in diesem Sommer sitzen uns noch in den Knochen, als die achte Crew auf der NADIR zusammenfindet. 

Nur wenige Tage vor Beginn unseres Einsatzes wird die Ocean Viking – ein 69,3 Meter langes Rettungsschiff der Organisation SOS Mediterranée – von libyschen Milizen beschossen und sendet ein Mayday aus. Während wir uns Anfang September auf unseren Einsatzstart vorbereiten, sind wir allesamt angespannt. Wir wissen, dass die NADIR mit einer Länge von 19,5 Metern winzig und vergleichsweise langsam ist und dass ihr Stahlrumpf uns und unsere Gäste im Falle eines Angriffs nur bis zu einer Höhe von etwa einem Meter über der Wasserlinie schützen würde. 

Beiboot vor großem, leeren blauen Holzboot

Während wir uns auf Seenotfälle im Mittelmeer vorbereiten, bereiten sich auch zwei weitere Initiativen auf Einsätze im Mittelmeer vor. Die F.lotta (ital. flotta – dt. Flotte; ital. lotta – dt. Kampf) versammelt sich aus Frankreich, Italien und anderen Ländern, um sich mit einer Reihe von Booten in Lampedusa zu treffen, um sowohl den Opfern zu gedenken als auch das gewollte Massensterben im Mittelmeer zu skandalisieren. Die Gaza Sumud Flotilla bereitet sich auf eine Überfahrt über das Mittelmeer nach Gaza vor, um Hilfsgüter zu liefern, und berichtet von zwei Drohnenangriffen auf ihre Schiffe in den Häfen Tunesiens. 

Ein großer Teil unserer Vorbereitung konzentriert sich auf das Training rund um Piraterie und Evakuierungsmaßnahmen. Da wir uns der angespannten Lage im Mittelmeer in diesen Tagen bewusst sind, beschließen wir, vorrangig in den – angeblich sichereren – Gewässern zu patrouillieren, die unter europäischer Verantwortung stehen, nämlich in der maltesischen Such- und Rettungsregion in internationalen Gewässern. Dabei wissen wir sehr wohl, dass Malta und Libyen seit Jahren Vereinbarungen haben, die es den sogenannten libyschen Küstenwachen erlauben, Menschen, die in Europa Schutz suchen sollen, abzufangen und zurück Richtung Süden zu schleppen. 

Wir patrouillieren in der Nähe der Ölplattformen, wo einige Monate zuvor eine neue tunesische Such- und Rettungsregion (SRR) eingerichtet worden war, die sich teilweise mit der maltesischen und der sogenannten libyschen SRR überschneidet. Es dauert nicht lang und wir begegnen unbeflaggten Patrouillenbooten. An einem ruhigen Morgen, das Mittelmeer ist spiegelglatt, nähert sich uns mit hoher Geschwindigkeit ein kleines Boot mit drei Crew an Bord, die weder ihr Mandat noch ihren Staat identifizieren. Der Versuch, über Funk Kontakt zu diesem Schnellboot aufzunehmen, bleibt erfolglos. Das Bootumkreist uns eine Weile und fährt dann wieder davon. Kurz darauf inspiziert uns ein größeres Militärschiff vorsichtig, bevor es in Richtung Nordosten weiterfährt. Wir vermuten, dass die Patrouillenboote uns auf mögliche Überlebende an Bord der NADIR überprüfen wollten. 

In den nächsten Stunden stoßen wir auf mehrere Trümmerteile wie Benzinkanister, Plastikflaschen und drei halb versunkene Plastik- und Holzbootwracks, während wir über Funk von anderen Seenotfällenhören. Irgendwann erhält NADIR einen Notruf vom Alarm Phone (AP) über ein Boot, das vor Tagen Tunis verlassen hatte. Obwohl es unwahrscheinlich ist, dass wir jemanden finden können, nimmt die NADIR hoher Geschwindigkeit und Kurs auf Richtung des gemeldeten Bootes. Während der Fahrt kommen plötzlich wiederholt Notrufe vom Frontex-Flugzeug Sparrow2, das über 60 Menschen in Seenot meldet, achtPersonen im Wasser werden gemeldet. Die Details des Alarms lassen vermuten, dass es sich um den gesuchten AP-Fall handeln könnte. 

Als die NADIR eintrifft, sind Seabird, Dakini und ein italienisches Patrouillenboot bereits vor Ort. Die Behörden hatten bereits alle Überlebenden aus dem Wasser geholt und einen Leichnam gefunden. Die NADIR hält sich in Sichtweite und führt nach dem Verlassen der anderen Einsatzschiffe eine großflächige Suche im Bereich um das havarierte Boot durch, um mögliche Überlebende zu finden. Später erfahren wir, dass eine Person weiterhin vermisst wird. 

Leeres Boot treibt auf dem Meer

Am späten Abend des folgenden Tages findet die NADIR Menschen auf einem Schlauchboot in der sogenannten libyschen SRR. Mindestens zehn Minderjährige befinden sich an Bord des Bootes, das bereits voller Wasser ist. Die Crew beschließt, alle Menschen unverzüglich an Bord zu nehmen. Die Zusammenarbeit mit den Überlebenden läuft glatt. Als sich 45 Minuten später alle sicher an Bord der NADIRbefinden, sehen wir weit hinter unserem Heck ein Licht auftauchen. Mit Blick auf den Radar können wir bestätigen, dass es sich schnell auf uns zu bewegt. Noch bevor wir unser Beiboot wieder im Davit der NADIR gesichert haben, taucht neben uns ein großer, pechschwarzer Schatten auf – in der Dunkelheit kaum zu erkennen. 

Aus Sicherheitsgründen zieht sich die Crew schnell in den unteren Schiffbereich der NADIR zurück, schließt alle Türen und stellt den Autopiloten auf Vollgas 000°. Sekunden später ruft das getarnte Schiff über Funk an, wir hören sie schreien, sie fordern die NADIR abwechselnd auf, anzuhalten, arabisch zu sprechen und zu verschwinden. Wir kommunizieren wiederholt über Funk, dass wir kein arabisch sprechenund bestätigen, dass wir „nach Hause“ fahren, auf „Null Null Null“ Grad, und nach etwa 15 Minuten verschwindet das Schiff. Etwas verstört und mit den jüngsten Ereignissen der Ocean Viking noch lebhaft im Gedächtnis setzen wir unsere Reise fort. Am 16. September gehen alle Überlebenden sicher in Lampedusa an Land.

Person auf Boot vor Sonnenuntergang

Zwei Tage später, nach mehreren Seenotmeldungen verschiedener Beobachtungsflugzeuge, sind wir erneut auf der Suche nach einem Boot in Seenot. Als wir Stunden später die angegebenen Koordinatenerreichen, können wir niemanden finden. Es ist ein niederschmetterndes Gefühl, eine Suche abzubrechen, aber da an diesem Tag mehrere Fälle gemeldet werden, ändern wir den Kurs und suchen nach einemanderen Schlauchboot. Die Fahrt zur letzten bekannten Position gestaltet sich wie ein Glücksspiel, da die Spur keine Richtung oder Geschwindigkeit angibt, anhand derer wir die aktuelle Position der Menschen schätzen können. Es ist purer Zufall, dass wir vom geplanten Kurs abweichen – kurz davor, die Suche aufzugeben –, und dass wir am frühen Morgen des 19. Septembers auf die 59 Personen an Bord des bereits mit Wasser vollgelaufenen Bootes stoßen. 

Da wir uns zwei Seemeilen nördlich der libyschen SRR-Grenze befinden, beschließen wir, zwei hochschwangere Frauen mit dem Beiboot zu evakuieren und das leckgeschlagene grüne Schlauchbootanschließend längsseits der NADIR zu nehmen. Unter den besonders gefährdeten Personen an Bord des Schlauchboots befindet sich ein vierjähriges Kind. Es muss zusammen mit den schwangeren Frauen und einigen anderen Personen von der italienischen Küstenwache medizinisch evakuiert werden. Die Überlebenden berichten unserer Crew, dass sie drei Tage zuvor Zawiya in Libyen verlassen haben. Während der Reise gehen zwei Personen über Bord. Während sie eine Person wieder in das sich entleerende Schlauchboot retten können, bleibt die andere Person weiterhin vermisst. Seine vierjährige Tochter, seine Frau und seine Schwester kommen sicher in Lampedusa an. 

Am 22. September folgt die NADIR einem Mayday-Relay von EAGLE2: Etwa 40 bis 50 Menschen befinden sich in einem überfüllten Schlauchboot in Seenot. Die NADIR fährt nach Süden, um Hilfe zu leisten. Bei unserer Ankunft in dem Gebiet erkennen wir auf dem Radar ein Schnellboot, das sich mit einer Geschwindigkeit von 17 bis 20 Knoten bewegt. Es passiert uns rechtsvoraus am Horizont und scheint auf dem Radar kurzzeitig stillzustehen, bevor es wieder nach Südosten abdreht. Es ist zu weit entfernt, um sicher zu sein, doch in Aussehen und Geschwindigkeit ähnelt es einem der schnellen Militärpatrouillenboot der sogenannten libyschen Küstenwache. 
Crewmember und zwei Personen mit Rettungswesten an Bord
Einem kleinen hin und her schaukelnden Punkt am Horizont folgend, braucht die NADIR etwa eine halbe Stunde, um die Position zu erreichen. Wir finden nur noch ein leeres Schlauchboot mit nichts als den Habseligkeiten derer, die versucht hatten, das zentrale Mittelmeer auf der Suche nach Sicherheit zu überqueren. Die Sonne geht gerade unter und taucht die stille Szene in violett-rotes Licht. Wir waren zu spät. Als wir uns langsam nähern, sind unsere Gedanken bei den Personen, die noch vor wenigen Augenblicken in diesem Boot gesessen hatten und vielleicht voller Hoffnung gewesen waren – oder vielleicht voller Todesangst. Mit Sicherheit hatten sie versucht, denen zu entkommen, die hinter ihnen her waren und die kurz vor uns eingetroffen waren.  

Wir wissen, dass sie mit dem Abfangen einem illegalen Pushback ausgesetzt waren. Ein etablierter Mechanismus, um flüchtende Migranten von Booten zu entführen, um sie daran zu hindern, Europa zu erreichen. Dieser Mechanismus wird oft durch die europäische Maschinerie der Externalisierung der Grenzen erleichtert und koordiniert. 

Crewmember und zwei Personen mit Rettungswesten an Bord
Diese Beobachtung markiert das Ende unserer Rotation. Obwohl wir nicht vielen Menschen Hilfe leisten konnten, war die emotionale Belastung dieses Einsatzes der NADIR hoch. Wir mussten uns wiederholt mit unseren eigenen Grenzen konfrontieren. Weiterhin aufmerksam Ausguck gehend, nahmen wir Kurs auf unseren Heimathafen, um dort aufzuräumen, Bericht zu erstatten und das Schiff an die nächste Crew zu übergeben, damit sie auf dem Massengrab des Mittelmeers weiter nach Menschen in Not schauen können. 

Unsere Gedanken sind bei den Menschen, für die wir zu spät kamen, bei den Menschen, die zurückgeführt wurden, und bei den Menschen, die von ihren Booten fielen und zusehen mussten, wie ihre Angehörigen davontrieben. Unsere Gedanken sind auch bei den Überlebenden dieser gefährlichen Überfahrten. In Europa wird ihr Weg weder einfacher noch humaner. Wir wünschen ihnen Kraft für ihre weitere Reise.

Bildrechte: Jelka Kretzschmar, Pietro Bertora | RESQSHIP

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