Einsatzbericht 10 – 2025 (25.10.25-15.11.25) verfasst von Jens Bernhard Janssen
Nachdem wir schon viele Tage auf dem zentralen Mittelmeer unterwegs waren, ohne ein Boot zu sichten, saß irgendwann mitten in der Nacht ein Rotkehlchen auf dem Mast der NADIR. Schutzbedürftig, etwas zitternd und verloren. Der kleine Vogel blieb einige Stunden bei uns, bis er offensichtlich genug Kraft getankt hatte, um weiterzufliegen.
Auch die Personen in Seenot aus den drei Booten, die wir an Bord nehmen konnten, waren teilweise in einem schlimmen physischen Zustand: erschöpft und dehydriert. Für alle war die Gefahr akut, vom Meer verschluckt zu werden.
Ein paar Zahlen und Fakten, hinter denen sich menschliche Schicksale verbergen: Wir konnten in unserem Einsatz 147 Menschen helfen. Es war niemand aus Afghanistan darunter und nur eine einzige Person aus dem Sudan – obwohl dort die derzeit größte Migrationskrise der Welt stattfindet. 14 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Die humanitäre Katastrophe ist unbeschreiblich, aber zwischen dem Sudan und der NADIR liegen die Schlachtfelder, Hungermärsche und Grenzzäune und schließlich das Mittelmeer. Der junge Mann aus dem Sudan hat es zu uns an Bord geschafft, sein Blick ist abwesend und wir werden nie erfahren, was er durchlebt hat. Wir tun, was wir können, um unseren Gästen ein Stück Geborgenheit zu geben. Es wird niemals genug sein können.
Die Bedingungen, unter denen wir unsere Such- und Beobachtungseinsätze durchführen, haben sich verändert. Wir werden nicht nur von Watch the Med – Alarm Phone oder den zivilen Beobachtungsflugzeugen Seabird1 und Seabird2, sondern auch von Frontex über Seenotfälle informiert. Das darf nicht täuschen. Frontex ist als sogenannte Grenzschutzagentur mitverantwortlich für die Externalisierung der Europäischen Außengrenze. Sie kollaborieren mit der sogenannten libyschen Küstenwache und mitverantworten Pushbacks nach Libyen, sodass Personen auf ihrer Flucht gar nicht erst an diejenige Außengrenze gelangen können, an der sie einen Asylantrag stellen könnten. Zurückgedrängt nach Libyen sind Flüchtende in Lagern und Gefängnissen ausbeuterischen Situationen ausgeliefert. Dort droht ihnen Zwangsarbeit, Gewalt, sexualisierte Gewalt und Folter.
Das Konzept der “Festung Europa” scheint aufzugehen: Den von der EU finanzierten tunesischen und libyschen Küstenwachen scheint es zunehmend zu gelingen, Boote abzufangen. Die sogenannte libysche Küstenwache setzt auf hoher See Waffen ein, um Geflüchtete und zivile Akteure zu attackieren. Das gefährdet auch unsere Arbeit, da wir zunehmend damit rechnen müssen, von libyschen Einheiten in internationalen Gewässern drangsaliert zu werden.
Bei einer unserer Evakuierungen ist es uns gelungen, die Geflüchteten an Bord zu nehmen vor einem Einsatzfahrzeug der sogenannten libyschen Küstenwache, das nur noch 6 Seemeilen entfernt waren. Wir waren unglaublich erleichtert.
Wir sind dankbar für die Zusammenarbeit mit den anderen Organisationen – ohne Watch the Med – Alarm Phone, die zivilen Such- und Beobachtungsflugzeuge und das Netzwerk solidarischer Initiativen auf Lampedusa, wären die Einsätze in dieser Form nicht durchführbargewesen.
Wir konnten auch dieses Mal Menschen nicht nur von ihren Booten evakuieren, sondern haben uns auch bemüht, ihnen das Gefühl von Sicherheit und vielleicht auch ein bisschen Wärme und Zuwendung zu geben. Wir kehren dankbar und erschöpft nach Hause zurück. Aber es geht nicht um uns.
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