Der erste Einsatz der NADIR im Jahr 2026 zur Beobachtung der Situation im zentralen Mittelmeer.
Der Beginn des Jahres 2026 im zentralen Mittelmeer war geprägt von tragischen Ereignissen. Seit dem 1. Januar werden mindestens 766 Menschen auf der Flucht vermisst, viele von ihnen gerieten auf der Suche nach einem besseren Leben bei der Überfahrt in den Hurricane Harry. Schon seit Wochen werden immer wieder Leichen an Land gespült.
Ende Januar stimmten die Mitglieder des Europäischen Parlaments unterdes für eine weitere Verschärfung der Migrationspolitik. Zu den beschlossenen Maßnahmen gehört die Einrichtung von Abschiebezentren außerhalb des EU-Gebiets – sogenannten Return Hubs – was die rechtlich fragwürdige Abschiebung von Menschen in Drittstaaten erleichtern soll. Zudem werden Schutzsuchende weiter kriminalisiert, zufolge neuer Bestimmungen, allein aufgrund ihres administrativen Status.
Nachdem die NADIR über vier Monate in der Winterwerft fit gemacht wurde, beginnt die Crew der NADIR Anfang März ihren ersten Einsatz des Jahres. Wir, die Crew, treffen uns in unserem Heimathafen, um die Vorbereitungen sowohl für das Schiff als auch für die Besatzung abzuschließen. Nach einer Reihe von Trainings, Briefings und dem Aufstocken des Proviants setzen wir am 12. März die Segel, um nach Lampedusa zu fahren und unser Einsatztraining abzuschließen.
Schlechtes Wetter zieht über dem Mittelmeer auf, und wir wissen, dass unser Einsatzfenster nur sehr kurz sein wird, bevor wir gezwungen sind, in Lampedusa Schutz zu suchen. Vor allem für die Menschen, die auf kleinen Booten aus Tunesien oder Libyenaufgebrochen sind und bald dem herannahenden Sturm ausgesetzt sein könnten, wird die Situation zu einem Wettlauf gegen die Zeit.
Alarm Phone – Watch the Med – die Organisation, die Notrufe von Menschen in Seenot entgegennimmt und weiterleitet – teilt uns am 14. März mit, dass bereits neun dringende Hilferufe eingegangen sind. Wir setzen sofort Kurs gen Süden, wo sich 35 Menschen in Seenot auf einem kleinen Boot befinden – etwa fünf Stunden von uns entfernt. Bevor wir die Personen erreichen können, wird das Boot von der italienischen Küstenwache evakuiert.
Am selben Abend kehren wir zurück nach Lampedusa, wo wir die nächsten vier Tage bleiben, da sich das Wetter verschlechtert. An Land bietet der Zwischenstopp den Crewmitgliedern die seltene Gelegenheit, endlich langjährige Partner zu treffen, die wir normalerweise nur kurz während unserer Zwischenstopps auf der Insel treffen können. Auf dieser kleinen Insel – dem sogenannten Tor nach Europa – nimmt ein ganzes Netzwerk der Solidarität weiter Gestalt an. Eine Reaktion auf die europäische Migrationspolitik. In den letzten Tagen haben wir erfahren, dass ein zweijähriges Kind vermisst wird und dass die Leiche eines Mannes an Land gebracht wurde. Unsere Gedanken sind bei ihren Angehörigen und Begleitenden.
Am Abend des 17. März stechen wir erneut in See und nehmen Kurs auf die Gasplattform Miskar vor der tunesischen Küste, wo rund hundert Menschen während eines viertägigen Sturms gestrandet sind. Die Plattform ist zwar weniger gefährlich als ein seeuntüchtiges Schiff, das auf hoher See treibt, doch für die Frauen, Männer und Kinder, die dort Zuflucht gesucht haben, ist sie keineswegs ein sicherer Ort.
Am folgenden Tag kommen wir in Sichtweite der Plattform. Auch die Trotamar III und die Ocean Viking, zwei weitere von NGOs betriebenen Schiffe, sind vor Ort. Gemeinsam warten wir auf die Anweisungen der zuständigen Seenotrettungsleitstellen, wie wir vorgehen sollen. Nach einigen Stunden nimmt die Ocean Viking, die über eine größere Kapazität verfügt als unsere NADIR, alle Überlebenden an Bord.
Die Seenotrettungsleitstelle in Rom, weist der Ocean Viking den sicheren Hafen in Marina di Carrara zu – vier Tagesfahrten von der Miskar-Plattform entfernt. Diese Situation macht erneut deutlich, mit welchen Hindernissen zivile Organisationen im Mittelmeerkonfrontiert sind. Das Schiff wird faktisch über eine Woche lang daran gehindert, im Einsatzgebiet Seenothilfe zu leisten.
In den folgenden sechs Tagen bleiben wir einsatzbereit und reagieren auf jeden Notruf, den wir erhalten. Jedoch können wir aufgrund der jeweiligen Begebenheiten in keinem Fall tätig werden. Dies ist, seitdem die NADIR seit 2021 im Einsatz ist, wohl kaumvorgekommen. Ein Seenotfall wird von der italienischen Küstenwache evakuiert, nachdem es vier Tage lang auf See getrieben war. Die übrigen vier werden von der sogenannten libyschen Küstenwache abgefangen, bevor wir am Ort des Geschehens eintreffenkönnen. Von den sechs Booten, die uns gemeldet wurden, wird eines bis heute vermisst. An Bord waren 43 Menschen, die am 17. März in Sfax in See gestochen waren.
Pullbacks, die von der sogenannten libyschen Küstenwache durchgeführt werden, sind illegal. sie hindern Menschen auf der Flucht daran, die EU-Grenze zu erreichen, wo sie Asyl beantragen können. Dennoch wird diese Praxis der Externalisierung der Grenzen weiterhin von der Europäischen Union finanziert und unterstützt. Dies geschieht obwohl jüngste UN-Berichte die systematische Gewalt und die Misshandlungen verurteilen, denen Menschen im Exil sowohl durch die Küstenwache als auch durch die libyschen Behörden ausgesetzt sind.
Die Hartnäckigkeit der Festung Europa hat einen hohen Preis: Tausende Menschenleben hat die tödliche Politik bereits gekostet.
Und obwohl die NADIR bei diesem Einsatz nicht die Chance hatte, direkt einzugreifen, um Menschen in Seenot zu helfen, unterstreichen die politischen und rechtlichen Entwicklungen sowie das Verhalten der Behörden auf See die entscheidende Bedeutung unserer Präsenz im zentralen Mittelmeer. Wir müssen zeigen, was sich dort abspielt.
Ich möchte mit einem Zitat abschließen, das unser Skipper Kostis am Ende der Rotation geteilt hat:
»Eines Tages, bei Sonnenuntergang, segelte das Boot hinaus aufs Meer; wir waren umgeben von Vögeln, die überall um uns herumflogen. Es kam mir vor wie ein Bild davon, wie Bewegungsfreiheit aussehen sollte – für jeden einzelnen von uns.«
In den kommenden Wochen wird die NADIR ins zentrale Mittelmeer zurückkehren, um Solidarität mit den Menschen in Not zu zeigen, um Zeugnis abzulegen und um weiterhin die Stimme zu erheben. Solange nicht jeder auf ein besseres Leben hoffen kann, werden wir aktiv bleiben – und wir werden nicht schweigen.
Einsatzbericht 1 – 2026 (8. März – 29. März 2026), verfasst von Crewmitglied Flore Judet
Bildrechte: Flore Judet, Kostis Sinanidis | RESQSHIP





