Der Tod wird zum häufigen Begleiter. Menschen dürfen auf der Flucht nicht sterben – erst recht keine Kinder!

Einsatzbericht  3 – 2025 (3.5.25-22.5.25) verfasst von Ingo Werth, Skipper 

Wie jeder Einsatz startete auch der Dritte dieses Jahres in unserem Heimathafen, um die letzten Reparaturen und Verproviantierung vorzunehmen und um die Crew mit der NADIR und den Sicherheitsanforderungen vertraut zu machen. 

Nach wenigen Tagen stachen wir in See und nahmen Kurs auf Lampedusa, um dort unser Training durchzuführen. Einige Crewmitglieder waren zum ersten Mal an Bord der NADIR, weshalb wir uns ausreichend Zeit nahmen. Auch an den Tagen, an denen wir auf Patrouille waren, trainierten wir immer wieder fleißig die Evakuierungsschritte. 

Am sechsten Tag unseres Einsatzes wir einen Funkkontakt zwischen dem Frontex-Flugzeug EAGLE2 und der Leitstelle Radio Lampedusa auf. 62 Menschen auf einem Schlauchboot in Seenot wurden gemeldet. Wir schalteten uns ein und fuhren so schnell wie irgend möglich zur gemeldeten Position. Als unser Beiboot zu den Personen gelangte, überreichten die Überlebenden der Besatzung zwei tote Kleinkinder zwischen 2 und 3 Jahren. Die Beiden waren am Vortag verstorben – vermutlich waren sie verdurstet.  

Die Menschen auf dem Schlauchboot waren drei Tage zuvor in Libyen gestartet. Ihr Motor war zwei Tage vor unserer Ankunft ausgefallen. Seitdem waren die Personen Wind, Wetter und Seegang schutzlos ausgeliefert. 

Während der Evakuierung auf die NADIR wurde ein Mann bewusstlos. Nach Eintreten eines Kreislaufstillstandes wurde er 30 Minuten lang vergeblich reanimiert. Am Vortag berichteten die Überlebenden, sei außerdem eine weitere Person über Bord gegangen. 

Die zur Unterstützung gerufene italienische Küstenwache nahm zwei Babys gemeinsam mit ihren Müttern sowie zwei weitere Schwerverletzte an Bord. Alle anderen Überlebenden verblieben an Bord der NADIR. Sie litten unter teils schweren chemischen Verbrennungen und mussten stundenlang von der Crew medizinisch versorgt werden. Wir nahmen Kurs auf den uns zugewiesenen sicheren Hafen Lampedusa, wo die Körper der Verstorbenen an die Behörden übergeben wurden. Am Folgetag blieben wir auf der Insel. 

OP_3

Am achten Tag liefen wir früh morgens aus, denn es waren nur wenige Schiffe der zivilen Flotte im Einsatz. Mittags fuhren wir gemeinsam mit der SeaPunk1 zu einem Seenotfall. In Koordination mit der Crew der SeaPunk1 und der Seenotrettungsleitstelle (MRCC) in Rom übernahmen wir die Rolle des On Scene Commanders und nahmen alle 69 Personen an Bord. Wir handelten unverzüglich, denn an Bord des Schlauchbootes befand sich eine blinde Person, die bewusstlos war und sofort Hilfe brauchte. Der Mann war in Libyen gefoltert worden, man hatte ihn gezwungen schwere Schmerzmittel zu schlucken und dazu Methylalkohol zu trinken.

Nach abgeschlossener Evakuierung nahmen wir nachmittags Kurs auf Lampedusa und waren erleichtert darüber, dass uns drei Stunden später ein Schiff der italienischen Küstenwache entgegenkam, die Menschen übernahm und auf schnellstmöglichem Wege an Land brachte. Wir kamen nicht umhin, zurück nach Lampedusa zu fahren, da es neuerdings Vorschrift ist, dass alle Einsatzschiffe persönlich einen Bericht im Hafenbüro der Küstenwache übergeben. Dies wird von uns als bewusste Behinderung unserer Einsätze gewertet.

Wegen sich drastisch verschlechternder Wetterbedingungen blieben wir weitere Tage geschützt im Hafen von Lampedusa und liefen erst am zwölften Tag unseres Einsatzes wieder aus. Noch in derselben Nacht trafen wir auf Personen auf einem Eisenboot. Das Boot war speziell gebaut – so tief, dass die Menschen selbst stehend kaum über die Reling blicken konnten. Innerhalb des Bootes hatten sie keine Möglichkeit, auf etwas zu steigen, um aus dem Boot zu gelangen. Diese Bauart hatten wir vorher noch nie angetroffen. Längsseits zu uns liegend mit zudem starkem Wind und Seegang konnten sie daher nicht zu uns an Bord der NADIR steigen. Aus diesem Grund mussten wir die 54 Menschen nach und nach mit unserem Beiboot zur NADIR bringen. Mit aufgehender Sonne konnten wir mit allen Überlebenden Lampedusa erreichen.

Sieben Stunden nach unserer Ankunft liefen wir schon wieder aus und kamen am Abend dem zivilen Such- und Beobachtungssegler Dakini zur Hilfe. Die Crew der Dakini hatte bereits an 41 Menschen Rettungswesten ausgeteilt. Wir blieben zur Sicherheit in der Nähe, bis ein Boot der italienischen Küstenwache alle Menschen auf- und mit nach Lampedusa nahm. Wir drifteten weiter durch die Nacht bis in den Morgen hinein. Mittags sichteten wir ein Glasfaserboot. An Bord befanden sich 35 Personen, die wir vorerst begleiteten. Als ihnen der Sprit ausging, nahmen wir das Boot in Schlepptau bis wiederum die Küstenwache zur Hilfe kam und alle Menschen an Bord ihres Schnellbootes gehen konnten.

Beiboot vor großem, leeren blauen Holzboot

Am 15. Tag unseres Einsatzes trafen wir vor der tunesischen Küste auf 110 Personen an Bord eines Holzboots. Nach anfänglicher Verunsicherung, ob wir ihnen wohlgesonnen waren oder nicht, konnten wir den Menschen deutlich machen, dass sie durch uns keinen illegalen Pushback (wie etwa von der sogenanntne lybischen Küstenwache) zu erwarten hatten. Wir teilten Rettungswesten aus und sie begleiten bis ihr Motor ausfiel, woraufhin wir alle Menschen an Bord nahmen. Schon kurz darauf kam uns ein Schiff der italienischen Küstenwache zu Hilfe und übernahm alle 110 Personen. 

Person auf Boot vor Sonnenuntergang

Auch in diesem Fall mussten wir acht Stunden Fahrt in Kauf nehmen, um persönlich den Sonderbericht auf Lampedusa zu übergeben – eine Taktik, um uns aus dem Einsatzgebiet fernzuhalten. Nach unserer Ankunft frühmorgens reinigten wir das Schiff, gingen zur Behörde, ließen die NADIR vorschriftsgemäß desinfizieren, kauften ein und verließen bereits fünf Stunden darauf wieder den Hafen. Kein anderes Schiff war im Einsatzgebiet unterwegs und wir patrouillierten, bis der Wind wieder erheblich zunahm. Die letzte Nacht verbrachten wir in Lampedusa als Schutzhafen und starten am Folgetag frühmorgens von ebendort, um abends unseren Heimathafen zu erreichen.

Mit vielen neuen Eindrücken, Trauer und Wut, aber auch mit Motivation und dem Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein, ging unser dritter Einsatz zu Ende. Glücklich macht uns die Solidarität auf See mit den anderen Crews der zivilen Seenotrettung, sowie auch mit der italienischen Küstenwache, die auch in diesem Einsatz wieder stets sehr zuverlässig mit uns kooperierte. 

Bildrechte: RESQSHIP 

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