Zwei leere Holzboote gesichtet und Rettung von 91 Menschen in maltesischem SAR-Gebiet

Missionsbericht von Andrea Finkel, Crew-Mitglied auf der NADIR auf Mission 1/2021: 

Die erste Beobachtungsmission von RESQSHIP im Jahr 2021 dauerte nur wenige Tage. Nach der Sichtung von zwei leeren Holzbooten traf die NADIR am dritten Einsatztag im maltesischen SAR-Gebiet auf ein seeuntüchtiges Holzboot mit 91 Menschen an Bord. Weil Malta keine Hilfe schickte, kamen wir unserer Pflicht der Seenotrettung nach, nahmen die Menschen zum Teil zu uns an Bord, versorgten sie medizinisch und zogen die anderen im Holzboot hinter uns her, bis die italienische Küstenwache uns entgegenkam und uns die Menschen abnahm.

Im Juni 2021 startete die erste Mission mit unserem neuen Schiff NADIR. Wir legten am Montag, 14. Juni, um 16 Uhr in Malta ab, führten noch einige Sicherheitstrainings in einer nahegelegenen Bucht durch und nahmen dann Kurs auf das Einsatzgebiet südlich von Lampedusa. Am Dienstagmorgen trafen wir auf ein verlassenes blaues Holzboot, ca. sechs Meter lang, an dem bereits ein tunesischer Fischkutter dabei war, den Motor zu bergen. Wir wissen nicht, wie viele Menschen an Bord gewesen waren und was mit ihnen geschehen ist. Im Laufe des Tages hatten wir dann Funkkontakt mit dem von Sea-Watch betriebenen Aufklärungsflugzeug Seabird, das später am Nachmittag auch über uns hinwegflog. Wir waren froh um die Unterstützung aus der Luft, die sie uns auch für den nächsten Tag zusagten.

Leeres Holzboot

In den frühen Morgenstunden des 16. Juni (Mittwoch) empfingen wir eine Meldung über ein Boot mit 25 Personen an Bord, das Hilfe benötigen würde. Wir nahmen Kurs auf die gemeldete Position, doch etwas später war dieses Boot nicht mehr lokalisierbar. Da wir zudem von einem weiteren Boot mit ausgefallenem Motor und mehr als 80 Personen an Bord erfuhren, änderten wir unseren Kurs Richtung Süden. Auf dem Weg dahin stießen wir auf ein leeres, ca. sechs Meter langes, weiß-blaues Holzboot ohne Motor, in dem nur noch ein Schuh und Holzstücke auf dem Boden lagen. Die Mengen von Vogelkot auf dem Boot ließen darauf schließen, dass es vermutlich schon lange verlassen vor sich hertrieb.

Leeres Holzboot

Mehr als 90 Menschen in seeuntüchtigem Boot

Mithilfe von neuen Positionsangaben durch Seabird, die neben den verantwortlichen Seenotleitstellen auch uns als Schiff in unmittelbarer Nähe kontaktierten, sichteten wir gegen 12 Uhr mittags das besagte Holzboot mit den über 80 Menschen an Bord. Es befand sich etwa acht Seemeilen nördlich der maltesisch-libyschen SAR-Grenze im maltesischen SAR-Gebiet. Wir funkten MRCC Malta, die in diesem Gebiet bei Seenotfällen zuständige Behörde, an und baten um Hilfe. Zugleich setzten wir mit unserem Beiboot zu dem völlig überfüllten Holzboot über und versorgten die Menschen mit Rettungswesten und Trinkwasser. Dabei bemerkte unser Paramedic ein bewusstloses Mädchen, das er gleich zu uns an Bord brachte, um es mit einer Infusionstherapie zu stabilisieren. Als sie wieder zu sich kam, erzählte sie uns, dass sie 15 Jahre sei und aus Eritrea stamme. Sie sei zusammen mit ihrem Bruder unterwegs und habe keine Eltern mehr. Sie seien bereits den dritten Tag ohne Wasser unterwegs gewesen. Losgefahren waren sie in den frühen Morgenstunden des 14. Juni (Montag). Neben Helen waren noch drei weitere Frauen auf dem Holzboot, eine davon schwanger, die wir ebenfalls schnell an Bord der NADIR nahmen und medizinisch versorgten.

Holzboot-Annäherung
Skipper+Coskipper

Keine Hilfe von MRCC Malta

Von MRCC Malta bekamen wir leider keine Hilfe. Sie teilten uns zwar mit, dass sie ein in der Nähe befindliches Handelsschiff (die Lady Nuray) angewiesen hätten, uns zu helfen, doch dieses bestritt gegenüber Seabird, eine solche Anweisung erhalten zu haben. Eine erneute Anfrage beim MRCC Malta ergab, dass sie nun uns damit beauftragten, die Menschen selbst in den nächsten sicheren Hafen zu bringen. Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt ca. 38 Seemeilen östlich von Tunesien und 35 Seemeilen südlich von Lampedusa.

Mit 19 Metern Länge hat unsere NADIR jedoch nicht die Kapazität, um so viele Menschen sicher aufzunehmen und transportieren zu können. Während wir zunächst die Zahl von 86 Bootsinsassen gemeldet bekamen, stellte sich schließlich heraus, dass sich tatsächlich 91 Menschen auf dem Holzboot befanden. Die meisten stammten aus Eritrea und dem Sudan. Es waren mehrere unbegleitete Minderjährige auf dem Boot.

Um das instabile Holzboot zu entlasten, nahmen wir weitere Menschen, insgesamt 54, zu uns an Bord und brachten sie auf dem Vordeck unter. Die restlichen Personen blieben notgedrungen auf dem Holzboot, das wir mit einer ca. 80 Meter langen Leine hinter der NADIR herzogen. Gegen 16:30 Uhr machten wir uns auf den Weg Richtung Lampedusa.

Holzboot-Rettungswesten ausgeben
Seabird-Luftbild

Covid-19-Tests und medizinische Behandlungen

Da viele der Geretteten dehydriert waren, hatte unser Paramedic alle Hände voll zu tun: Er legte mehrere Infusionen und musste eine Person mit sehr hohem Blutdruck notfallmedizinisch behandeln. Insgesamt 20 Menschen mussten medizinisch versorgt werden. Bei allen zu uns an Bord genommenen Personen führten wir Temperaturmessungen und Covid-19-Schnelltests durch, die allesamt negativ waren.

An Bord nehmen
Paramedic im Einsatz
Covid-Test

Kontakt mit libyscher Küstenwache

Kurz nachdem wir uns auf den Weg in Richtung Norden machten – sehr langsam, da wir uns um das Holzboot im Schlepp sorgten, tauchte gegen 17:20 Uhr ein Schiff der sogenannten libyschen Küstenwache auf. Sie wollten uns die geretteten Menschen abnehmen, doch wir weigerten uns, sie zu übergeben, da dies unweigerlich einem illegalen Pushback nach Libyen gleichgekommen wäre. Dennoch versuchten sie es nicht nur per Funk, sondern kamen auch mit ihrem Beiboot längsseits der NADIR. Das diplomatische Geschick unseres Skippers als auch eines unserer Crew-Mitglieder führte dazu, dass sie sich gegen 18:30 Uhr zurückzogen.

Libysche Küstenwache im Anmarsch
Libysche Küstenwache

Zunehmender Seegang und Hilfe aus Italien

Wir versorgten die Menschen auf dem Holzboot mit Trinkwasser, Keksen, Eimern zum Lenzen und Licht für die weitere Fahrt durch die Nacht. Auf unserem Weg Richtung Norden nahmen wie vom Wetterbericht vorhergesagt Wind und Seegang zu. Bei Einbruch der Dunkelheit hatten wir Windstärke 4. Es bestand die Sorge, dass die Konstruktion des Holzbootes der Last durch die Schleppleine nicht standhalten würde, oder dass durch die zwei Meter hohen Wellen Wasser ins Boot schwappt und zu kentern droht. Wir fuhren so langsam wie möglich (3 Knoten).

Zugleich versuchten wir weiter, Hilfe von den MRCCs zu erhalten und telefonierten mehrfach mit Malta und Rom. Ebenso versuchten wir, Hilfe von einem vorbeifahrenden Tanker zu bekommen, doch ohne eine entsprechende Anweisung vom MRCC Malta wollte dieser nichts tun. Letzten Endes konnten wir die italienische Küstenwache überzeugen, dass sie uns zu Hilfe kommen. Gegen 2:30 Uhr am Donnerstagmorgen trafen sie mit zwei Schnellbooten bei uns ein und evakuierten zuerst das Holzboot. Die anschließende Übergabe der Personen von der NADIR gestaltete sich auf Grund des hohen Seegangs als schwierig und bedurfte mehrerer Anläufe. Dabei wurde auch unsere Reling beschädigt. Doch letztendlich konnten wir alle Geretteten schadlos an die italienische Küstenwache übergeben.

Italian Coastguard
Übergabe an italienische Küstenwache

Rückkehr nach Malta – in die Quarantäne

Nach der Übergabe der Personen auf See machten wir uns auf den Rückweg nach Malta. Am Freitagmorgen (18. Juni) waren wir wieder in maltesischen Gewässern. Die Anmeldung bei der Hafenbehörde lief problemlos, doch kurze Zeit nach dem Einklarieren wurden wir von den maltesischen Behörden  sehr gründlich kontrolliert  und in den Hafen von  Valletta in Quarantäne geschickt, da wir „Kontakt mit Migranten“ hatten. Die Tatsache, dass wir alle Personen bei uns an Bord negativ getestet hatten als auch uns selbst bei Ankunft in Gozo, änderte daran nichts. Erst durch einen weiteren PCR-Test konnten wir die Quarantäne nach fünf Tagen beenden. Wir verbrachten diese fünf Tage vor Anker im Hafenbecken von Valletta und nutzten die Zeit, um die NADIR so gut wie möglich wieder fit für die nächste Beobachtungsmission zu machen.

Crew-Foto_Hafen

Fotos: Andrea Finkel, außer: Seabird-Luftaufnahme (Sea-Watch)

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