Verzweifelte Hilferufe im Dunkeln

von Jens Bernhard Janssen (Text) und Thorsten Kliefoth (Fotos), Crew-Mitglieder auf der Nadir auf Mission 1/2023 (April):  

Auf ihrer ersten Beobachtungsmission in diesem Jahr konnte die Crew der Nadir in Zusammenarbeit mit der italienischen Küstenwache über 300 Menschen auf der Flucht vor dem Tod im Mittelmeer bewahren. Für mindestens 22 Menschen kommt jede Hilfe zu spät. Während Europa das Osterfest feierte, folgte eine Tragödie auf dem Mittelmeer der nächsten.

Die Crew

Wir waren gut vorbereitet. Und trotzdem kommen die meisten von uns von dieser Mission tief beeindruckt und verändert zurück. Die Crew kannte sich, wir waren im letzten Jahr miteinander gefahren, wir vertrauen uns. Einige von uns sind schon seit Beginn der Seenotrettung auf dem Mittelmeer 2015 mit dabei, von dieser Erfahrung haben wir alle profitiert. Neu mit dabei war J., eine Italienerin, die in der Seenotrettung gut vernetzt ist. Das hat nicht nur menschlich gut gepasst, sondern war im Kontakt mit den italienischen Institutionen, insbesondere der Küstenwache, unabdingbar. Es zeigt sich immer wieder, dass eine professionelle und respektvolle Kommunikation mit italienischen Behörden auf Englisch nur eingeschränkt möglich ist.

Die Rahmenbedingungen

Die Rahmenbedingungen für die Seenotrettung haben sich verändert. Zunächst einmal dadurch, dass die neue postfaschistische italienische Regierung in Form eines Dekretes neue Regularien geschaffen hat, um die Seenotrettung zu behindern in Form von Weisungen, die im Falle der Nichtbefolgung Verwaltungsstrafen nach sich ziehen. Neue Maßnahmen waren aus Sicht der italienischen Regierung notwendig geworden, nachdem sich das Strafrecht nach einer sehr positiven Entscheidung des obersten italienischen Gerichtes im Fall von Carola Rackete nicht mehr als zentrales Mittel zur Behinderung von Seenotrettung taugt.

Zu den Weisungen gehört die Verpflichtung zur Befolgung von (teilweise seerechtswidrigen) Anweisungen der italienischen Behörden, die aber für uns als Beobachtungsschiff leichter zu befolgen sind als für große zivile Seenotrettungsschiffe. Andrerseits: Die italienische Küstenwache kommt – soweit wir das wahrnehmen konnten – ihrer Verpflichtung zur Seenotrettung zumindest in Lampedusa uneingeschränkt und hochprofessionell nach.

2-italienische-Küstenwachschiffe-überfülltes-Boot

 

Dann gibt es eine wahrnehmbare Verlagerung der Fluchtroute von Libyen nach Tunesien. Gründe hierfür gibt es viele, ein Grund dürfte sicherlich die zunehmende Effektivität der sogenannten libyschen Küstenwache sein, die immer besser von Europa ausgestattet wird, um die Festung Europa abzuschotten. Über Tunesien kommen – so ist zumindest unsere Erfahrung – zunehmend Menschen, die vor den wirtschaftlichen, sozialen und sicherlich auch ökologischen Krisen in den afrikanischen Ländern fliehen. Wir jedenfalls hatten es mit Geflüchteten aus der Elfenbeinküste, Liberia, dem Senegal und Tunesien zu tun. Auch dabei lassen sich Konflikte zwischen Menschen aus Nord- und Subsahara-Afrika wahrnehmen.

Während die Aufklärung der Verhältnisse auf See durch zivile Flugzeuge sehr aktiv war, waren während unserer Mission zu Beginn keine weiteren Seenotrettungsschiffe im Einsatz. Auch hier wird die Nadir künftig oft nicht mit der Unterstützung anderer NGO-Schiffe rechnen können, weil das neue italienische Dekret gerade die Arbeit großer zivilen Rettungsschiffe behindert.

Nadir-Mission1-überfülltes-Boot
italienisches-Küstenwachschiff-Nadir

Es sind zwei Umstände, die die Überfahrt über das Mittelmeer von Tunesien nach Italien so problematisch machen. Das sind zum einen die Boote, mit denen die Menschen sich auf den Weg über das Meer machen. Während Flüchtende bislang auf überladenen Schlauchbooten mit vielen Luftkammern auf das Meer geschickt wurden, hat sich seit September 2022 ein neuer Bootstyp zunehmend etabliert: das aus Stahlplatten zusammengeschweißte, offene Boot für 35 bis 40 Personen mit extrem niedrigem Freibord in Höhe von 20 bis 30 cm. Nehmen diese Boote Wasser auf, etwa weil sie quer zur Welle liegen oder die See unruhiger wird, gehen sie unweigerlich in Sekunden unter.

Hinzukommen schwache Außenbordmotoren und eine unzureichende Ausrüstung mit Rettungsmitteln. Die Bootsflüchtlinge, denen wir begegnet sind, hatten fast ausnahmslos keine Schwimmwesten und bestenfalls manchmal aufgepumpte Autoreifenschläuche. Der akut lebensgefährliche Seenotfall ist also vorprogrammiert und bei uns dann auch eingetreten.

Und schließlich: Es ist schwieriger geworden, solche Boote noch aufzufinden. Während Boote aus Libyen oftmals über Satellitentelefone Positionsmeldungen abgeben konnten, haben die schwimmenden Särge aus Tunesien keine geeigneten Kommunikationsmittel mehr an Bord. Sie sind darauf angewiesen, dass die Seenot von Dritten gemeldet wird, in der Regel von Fischerbooten, die sich oft – und wohl nicht aus Zufall – in der Nähe aufhalten.

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In Seenot

Wir waren schon einige Tage im Einsatzgebiet im Stand-by und hatten insgesamt sieben Boote mit insgesamt etwa 280 Menschen an Bord gesichtet, begleitet, Positionen an die italienische Küstenwache weitergeleitet, Rettungswesten ausgegeben und versucht, das Abbergen durch die Italiener abzusichern. Drei dieser Boote waren aus Holz und wie üblich völlig überladen, die vier anderen Stahlboote, die uns also nicht nur aufgrund der vielen Menschen an Bord, sondern auch wegen der absolut seeuntüchtigen Bauart Sorgen bereiteten. Drei dieser Boote gleichzeitig in völliger Dunkelheit zu sichern hatte bereits sehr viel Konzentration und Energie gekostet, als uns eine Nachricht über einen Seenotfall von einem tunesischen Fischerboot erreichte, das sich in der Nähe eines der hochgradig instabilen Stahlboote aufhielt:

„Menschen im Wasser, wahrscheinlich alle tot.“

So die Meldung des Fischers. Etwa 4 bis 5 Seemeilen von uns entfernt. Die italienische Küstenwache fragte uns Ostersonntag um 3:30 Uhr direkt an, ob wir diesen Seenotfall mit nur grober Positionsangabe übernehmen würden, da sie selbst noch andere Fälle hätte.

„Wir konnten sie in der Dunkelheit überhaupt nicht sehen, wir nahmen sie nur durch ihre verzweifelten Hilferufe wahr.“

Martin Kolek, Crewmitglied auf der Nadir

Wir haben unglaubliches Glück gehabt, nachts im Dunkeln die Unglücksstelle zu finden. Das Bild werden viele von der Crew ihr Leben lang nicht vergessen: treibende Leichen, schreiende Menschen irgendwo im Licht des Suchscheinwerfers und Rufe aus dem Dunkeln, leere Autoschläuche, Treibgut. Beiboot raus mit Funkgeräten und Rettungswesten, Suchscheinwerfer am Bug, Suchfahrt mit dem Beiboot zwischen Lebenden und Toten, Aufnahme der unglaublich schweren Körper auf das Beiboot, zwei von uns an der Reling der Nadir zur Bergung, Wiederbelebungsversuche.

Am Schluss hatten wir 22 Überlebende an Bord, die wir stabilisieren konnten, und zwei Tote. Viele sind in dieser Nacht ertrunken: Jugendliche, Familien, Schwangere, nach Angaben von Überlebenden auch drei Kinder: vier Monaten, drei und vier Jahre alt. Die Überlebenden haben uns berichtet, dass sie schon viele Stunden unterwegs waren, bevor das Boot von einer Welle getroffen wurde und sofort untergegangen ist. Sie trieben nach eigenen Angaben etwa zwei Stunden im 15 Grad kalten Wasser, bis wir 22 von ihnen retten konnten, etwa 20 sind ertrunken.

Wir sind wütend auf die Besatzungen von sechs Booten, die sich in maximal zwei bis drei Seemeilen aufgehalten haben und trotz dreimaligem ‚Mayday’ über Funk keinen Beistand leisteten. Durch ihre Untätigkeit sind sie unserer Meinung nach mitverantwortlich für den Tod von 20 Menschen. Ihre Handlungen sind jedoch auch auf die menschenverachtende, italienische Politik zurückzuführen: Immer wieder werden Fischer des illegalen Schmuggels beschuldigt, ins Gefängnis gebracht und ihre Boote, die ihre Lebensgrundlage darstellen, konfisziert. Es ist daher völlig verständlich, dass die jahrhundertealte Tradition von Seeleuten, anderen Seeleuten in Seenot zu helfen, zu bröckeln beginnt. Aber, so wurde uns später von den Geretteten erzählt, die Schleuser hätten vor Abfahrt versichert, Hilfe aus Europa zu rufen, wenn etwas passiert.

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Bild: Rebecca Giarolo

Die italienischen Behörden haben uns unkompliziert nach Lampedusa einlaufen lassen, um die Lebenden und die Toten zu übernehmen. Nach diesem Einsatz verhinderten Starkwinde und hohe See weitere Abfahrten. Wir blieben im Einsatzgebiet und mussten wegen Schwerwetter zweimal Lampedusa als Schutzhafen anlaufen.

Wir sind dankbar, dass wir Menschenleben retten durften.
Wir trauern um die Toten.
Wir sind wütend über die Verhältnisse, die Menschen in Flucht und Tod getrieben haben und treiben werden.

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