Sieben Einsätze in zwei Wochen: 292 Menschen in Seenot geholfen

Text von Bo Osdrowski, Fotos von Heike Ollertz, Crew-Mitglieder auf der Nadir auf Mission 3/2022: 

Auf der dritten Beobachtungsmission der Nadir in diesem Jahr (vom 13. bis 29. Juni 2022) konnte  die Crew in sieben Einsätzen insgesamt 292 Menschen aus Seenot in Sicherheit bringen – teils mit Unterstützung der italienischen Küstenwache oder durch andere NGO-Schiffe, doch zuletzt wartete die Nadir vier Tage lang mit 19 Überlebenden an Bord auf einen sicheren Hafen.

Nach zwei Tagen Vorbereitung verlässt unsere siebenköpfige Crew am Montagabend (13.06.2022) den Hafen von Gozo und nimmt Kurs auf Lampedusa, wo der Einsatz des Beiboots trainiert werden soll. Aufgrund eintreffender Meldungen von Seenotfällen durch das Aufklärungsflugzeug Seabird beenden wir dieses Training am Dienstag vorzeitig und nehmen Kurs auf zu einem dieser Fälle. Aus der Distanz beobachten wir, dass dieses Boot von drei Fischerbooten offensichtlich sicher auf dem Weg nach Lampedusa begleitet wird und unsere Unterstützung nicht benötigt.

Italienische Küstenwache hilft bei den ersten drei Einsätzen

Bald darauf finden wir den nächsten Seenotfall: ein kleines Glasfaserboot mit 14 Personen an Bord, darunter eine Frau und ein Kind. Gegen 21 Uhr fällt ihr Motor aus, wir versorgen die erschöpften und dehydrierten Menschen, die in Tunesien gestartet sind, mit Wasser und Nahrung. Kurz vor Mitternacht trifft die italienische Küstenwache ein und evakuiert die Menschen.

Nadir+Boot mit 14 Menschen, italienische Küstenwache

Nur wenig später entdecken wir ein weiteres Boot in unmittelbarer Nähe. An Bord befinden sich 19 Personen: drei Kinder, eine schwangere Frau und 15 Männer, die bereits seit zwei Tagen unterwegs waren – viele sind dehydriert und seekrank. Wir verteilen Rettungswesten sowie Wasser und Essen. Obwohl wir uns bereits in der maltesischen SAR-Zone befinden, kommt uns auch dieses Mal die italienische Küstenwache zu Hilfe und bringt die Menschen aus dem seeuntauglichen Boot nach Lampedusa. Kurz vor 3 Uhr morgens fällt unsere Crew erschöpft in die Kojen.

Die Meldung über einen weiteren Seenotfall erhalten wir gleich am nächsten Morgen. Gegen 19 Uhr finden wir das völlig überfüllte Holzboot mit ca. 70 Personen an Bord, darunter drei Kinder. Die Personen kommen aus Bangladesch und verschiedenen afrikanischen Ländern. Sie sind bereits seit vier Tagen unterwegs, der Motor ist kaputt und Wasser dringt langsam ins Boot ein. Auch wenn einiges an Überredung nötig ist, kommt auch dieses Mal ein Schiff der italienischen Küstenwache und nimmt alle Personen an Bord.

Beiboot Nadir+Boot mit 70 Menschen in Seenot

Begegnung mit der Sea-Eye 4

Ebenfalls im Einsatzgebiet ist in dieser Zeit die Sea-Eye 4 (auf dem Weg nach Sizilien in der Hoffnung auf einen sicheren Hafen für ihre Gäste) – wir treffen das Schiff am Donnerstag (16. Juni), um Materialien auszutauschen. Wir erhalten 40 Rettungswesten sowie 200 Rettungsdecken und geben ihnen dringend benötigtes Verbandsmaterial. Die Begegnung ist ein besonderer und berührender Moment der Solidarität und gegenseitigen Unterstützung der verschiedenen NGOs auf dem Mittelmeer.

Resqship-Nadir-Sea-Eye4_M

Rettungseinsatz mit Aita Mari

Am nächsten Morgen (Freitag, 17. Juni) finden wir nach einem Notruf von Alarmphone ein Holzboot mit 45 Personen an Bord, darunter fünf Frauen, von denen eine im dritten Monat schwanger ist. Sie sind seit mehr als zwei Tagen unterwegs. Wir verteilen Rettungswesten, Wasser und Kekse und setzen einen Mayday-Relay-Notruf ab. Die Aita Mari der spanischen Hilfsorganisation Salvamento Marítimo Humanitario meldet sich via Funk und erklärt sich bereit, die Personen an Bord zu nehmen. Sie ist bereits mit 69 Gästen an Bord auf dem Weg nach Sizilien. Wir warten gemeinsam mit den Menschen an Bord des Holzbootes und erklären ihnen, dass Hilfe naht. Gegen Mittag ist die Aita Mari bei uns, nimmt die Menschen aus dem Holzboot auf ihr Schiff und nimmt wieder Kurs nach Norden auf. Ein wunderbares und berührendes Beispiel der Solidarität und des gemeinsamen Kampfes aller NGOs auf dem Mittelmeer!

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Rettungseinsatz mit Louise Michel

Am gleichen Nachmittag sind wir schon unterwegs zum nächsten Seenotfall. Auch ein weiteres NGO-Schiff, die Louise Michel, ist dorthin unterwegs. Erst kurz nach Mitternacht finden wir nach langer Suche das Boot in der libyschen SAR-Zone. An Bord des völlig überfüllten Gummiboots sind 96 Menschen, darunter 19 Frauen und zwei Babys. Die Louise Michel ist bereits in Sichtweite. Während wir mit größter Vorsicht Rettungswesten verteilen, evakuiert die Crew der Louise Michel die Menschen von dem Schlauchboot. Zwei Stunden später befinden sich alle an Bord der Louise Michel, die Fahrt in Richtung Norden aufnimmt.

Nadir-Resqship-Schlauchboot-96-Menschen
Resqship-Nadir-Lousie-Michel

29 Menschen an Bord genommen

Am nächsten Nachmittag (Sonntag, 19. Juni) nähert sich ein weißes, überfülltes Glasfaserboot, unterwegs gen Lampedusa. Wir folgen dem Boot, um im Notfall eingreifen zu können. Dieser trifft kurze Zeit später ein – der Motor fällt aus. An Bord befinden sich 29 Personen, darunter drei Frauen und zwei Kleinkinder. Sie stammen überwiegend aus Syrien und waren am Vorabend in Sabratah gestartet. Wir verteilen Rettungswesten sowie Wasser und Kindernahrung. Nach einem erneuten Startversuch läuft der Motor wieder und wir begleiten das Boot weiter Richtung Norden. Als einige Stunden später das Boot Risse aufweist, nehmen wir zunächst die Frauen und Kinder zu uns an Bord und wenig später auch die Männer, da das Glasfaserboot aufgrund von zunehmendem Wind und Wellen kaum noch steuerbar ist und in der Fahrt gegen die Welle zu zerbrechen droht. Unsere bis dahin abgesetzten Notrufe an die maltesische Rettungsleitstelle, in deren SAR-Zone wir uns befinden, blieben ohne Antwort.

Resqship-Nadir-Glasfaserboot-Kinder
Resqship-NADIR-Boot-Seenot

Transshipment auf die Sea-Watch 4

Mit unseren Gästen an Bord fahren wir durch die Nacht, alarmieren die italienischen Behörden und nähern uns am frühen Montagmorgen Lampedusa. Uns wird jedoch entgegen vorheriger Aussagen der zuständigen Behörden keine Einfahrt gewährt. Während wir unsere Gäste mit Essen und Trinken versorgen, kümmert sich unser Bordarzt um die medizinischen Fälle: Das zweijährige Kind leidet unter der Sonne und Hitze, ein junges Mädchen aus Eritrea ist stark seekrank, einige Männer sind ebenfalls seekrank, andere leiden unter chemischen Verbrennungen. Am nächsten Tag (Montag, 20. Juni) gelingt es uns, ein Transshipment mit der Sea-Watch 4 zu vereinbaren. Am späten Nachmittag treffen wir auf das NGO-Schiff, das unsere Gäste mit ihren Beibooten abholt. Wir nehmen Abschied von den Menschen, die uns innerhalb der zwei gemeinsamen Tage doch sehr ans Herz gewachsen sind.

Resqship-NADIR-Sea_Watch4
Resqship-NADIR-Sea-Watch4

Boot mit 19 Menschen droht zu kentern

Mit neuer Energie nach einem Ruhetag vor Lampedusa folgen wir am Mittwoch (22. Juni) einer Meldung der Aufklärungsflieger und finden nach einiger Suche gegen 14 Uhr zwei kleine leere Holzboote, die bereits von der italienischen Küstenwache abgeborgen worden sind, wie wir der Kennzeichnung auf den Booten entnehmen können. Abends machen wir uns auf den Weg zu einem weiteren von Alarmphone gemeldeten Seenotfall und entdecken nach vierstündiger Suche ein kleines, überfülltes Holzboot, das tief und schräg im Wasser liegt. Der hohe Wellengang macht dies zu einer äußerst gefährlichen Situation für die Menschen an Bord. In dem Boot sind 19 Männer aus Bangladesch, sie befinden sich seit drei Tagen auf See und sind in Libyen gestartet. Alle sind gesund, haben aber Hunger und Durst. Wir verteilen Rettungswesten, Wasser und Kekse. Alle Bitten um Unterstützung seitens der maltesischen und italienischen Küstenwachen sind erfolglos, sodass wir uns entschließen, die Mensch an Bord der Nadir zu nehmen. In den frühen Morgenstunden nehmen wir Kurs in Richtung Lampedusa auf. Unser Bordarzt verabreicht Medikamente gegen Seekrankheit, die sehr vielen unserer Gäste zu schaffen macht.

RESQSHIP_Holzboot-in-Seenot

Warten auf einen sicheren Hafen: vier Tage mit 19 Gästen an Bord

Die nächsten vier Tage verbringen wir damit, nahe Lampedusa auf einen sicheren Hafen zu warten. Wir kontaktieren alle Autoritäten in Malta, Italien und unserem Flaggenstaat Deutschland bis hin zum Auswärtigen Amt. Während die Behörden sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben, versuchen wir, den Gästen die Situation so erträglich wie möglich zu machen, aber es ist sehr windig und nachts wird es kalt auf dem Vordeck – wir haben nur dünne Rettungsdecken an Bord. Erst am dritten Tag des Wartens, gelingt es uns, warme Decken zu erhalten, die eine in Lampedusa ansässige NGO kurzfristig organisiert.

RESQSHIP_Überlebende-auf-Nadir
Resqship-Nadir-Menschen-Vordeck
Resqship-Nadir-Lampedusa-Menschen an Bord dichtgedrängt

​Am vierten Tag ohne Erlaubnis zur Einfahrt in den Hafen sind Hitze und Wellengang sehr extrem, so dass es unseren Gästen auf dem Vordeck ab Mittag zusehends schlechter geht. Gegen Nachmittag Uhr kommt nur noch verfärbtes Wasser aus den Leitungen – ein Hinweis darauf, dass auch der zweite Frischwassertank gleich leer sein wird. Daraufhin erhalten wir endlich die Erlaubnis zur Einfahrt in den Hafen von Lampedusa. Am Sonntagabend (26. Juni) gegen 19 Uhr kommen wir dort an und unsere Gäste dürfen endlich von Bord gehen. Für unsere Crew ist damit die Mission auch fast zu Ende: Nach etwas Bürokratie, um die Quarantäne zu beenden, treten wir die Heimreise an und laufen drei Tage später in unserem maltesischen Heimathafen ein, um die Nadir an die nächste Crew zu übergeben.

Resqship-NADIR-Ankunft-Lampedusa

Fotos: Heike Ollertz

Fazit: Solidarität und großartige Zusammenarbeit der zivilen Seenotrettung

Hinter uns liegen zwei sehr intensive und erfolgreiche Wochen, in denen wir bei sieben Einsätzen insgesamt 292 Menschen in Sicherheit bringen konnten. Wir waren mehrfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort und konnten so effektiv helfen. In Solidarität und großartiger Zusammenarbeit mit den zivilen Seenotrettungsschiffen Aita Mari, Louise Michel, Sea-Eye 4, Sea-Watch 4 sowie mit Alarmphone und den Seabird-Aufklärungsflugzeugen haben wir einmal mehr unter Beweis stellen können, wie die Aufgabe der zivilen Seenotrettung auf dem Wasser funktionieren kann.

292 Menschen sind nun in Sicherheit, aber das sind nicht alle. Viele fehlen! Unsere Gedanken sind bei jenen, die bei ihrem Versuch Europa zu erreichen ums Leben gekommen sind oder gewaltvoll nach Libyen oder Tunesien zurückverschleppt wurden. Solange Europa seine tödliche und rassistische Politik der Abschottung weiterführt, wird das Mittelmeer ein Massengrab bleiben.

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