100 Menschen auf fünf Booten in Seenot geholfen

Missionsbericht von Adriana Lamar Finkel, Crew-Mitglied auf der Nadir auf Mission 4/2021: 

Bei der vierten Beobachtungsmission von RESQSHIP trafen wir innerhalb von vier Tagen auf fünf Boote in Seenot, auf denen sich insgesamt mehr als 100 Menschen befanden. Aus zwei Booten mussten wir Menschen an Bord der Nadir nehmen, um sie medizinisch zu versorgen oder weil ihr Boot zu kentern drohte. Das hieß für unsere Crew: Dauereinsatz, drei schlaflose Nächte – und am Ende zehn Tage Quarantäne.

Am 17. August starteten wir mit einer siebenköpfigen Crew unsere vierte Beobachtungsmission in diesem Jahr auf dem zentralen Mittelmeer. Die ersten Tage an Bord verliefen ruhig. Am dritten Tag entdeckten wir das erste leere Holzboot: ein Doppeldecker, mit halbvollen Wasserflaschen, einer Tasche und leeren Kekspackungen. In den darauffolgenden Tagen fanden wir sechs weitere leere Holzboote – alle waren von der italienischen Küstenwache gekennzeichnet, was bedeutet, dass die Menschen geborgen und an einen sicheren Hafen gebracht wurden.

Leeres Boot Mission 4

Am Sonntag, den 22. August, bekamen wir von dem Aufklärungsflugzeug Colibri 2 einen Hinweis auf ein Boot in Seenot. Gegen 20 Uhr abends fanden wir das Holzboot mit kaputtem Motor in der maltesischen SAR-Zone. An Bord: zehn Männer, drei Frauen und neun Kinder, fast ausschließlich Kleinkinder. Das jüngste war ein zwei Monate altes Baby. Wir alarmierten die zuständigen Seenotrettungsleitstellen (MRCC) in Malta und Italien sowie die Leitstelle unseres Flaggenstaats in Bremen, bekamen jedoch vorerst keine Unterstützung. Nach über drei Stunden entschieden wir uns dazu, die Frauen und Kinder zu uns an Bord zu nehmen, weil diese komplett durchnässt waren und es immer kälter wurde.

Erstkontakt mit Beiboot

Geflüchtete nach tagelanger Fahrt in kritischem Zustand

Der Zustand der Kinder war mehr als kritisch: alle zeigten Zeichen einer Unterkühlung mit bis zu 35 Grad Celsius Körpertemperatur. Da sich die Familien schon seit mehreren Tagen auf See befanden, waren einige der Menschen dehydriert. Bei dem Baby war die Fontanelle eingesunken, ein Merkmal, an dem man erkennt, wie stark eine Dehydrierung ist. Es hatte seit mehreren Tagen nichts mehr getrunken und es gab keine Babynahrung mehr an Bord des Holzbootes. Zudem waren bereits an Bord erste Anzeichen einer Traumatisierung erkennbar: Die Kinder waren teils apathisch, teils überreizt und nicht mehr zu beruhigen. Auch die Mütter waren nicht mehr in einem Zustand, sich adäquat um die Kinder kümmern zu können, nachdem sie mehrere Tage wach waren, dehydriert und unter extremer psychischer und physischer Belastung standen.

Wir gaben den Frauen und Kindern die Möglichkeit sich zu duschen, frische Kleidung anzuziehen und sich aufzuwärmen. Den Männern, die auf dem Holzboot blieben, brachten wir Essen, Trinken und Taschenlampen, um sie nicht aus dem Blickfeld zu verlieren. So verging die Nacht und niemand kam uns zu Hilfe. Wir konnten die Lage zwar einigermaßen stabilisieren, jedoch brauchten einige der Kinder dringend medizinische Versorgung. Erst am nächsten Tag kam die italienische Küstenwache gegen 12 Uhr mittags und evakuierte zuerst die Männer, dann die Frauen und Kinder.

Übergabe Baby an Küstenwache

Seenotfälle ohne Ende, 17 Menschen an Bord der Nadir versorgt

Am selben Tag (Montag) fanden wir auf einen Hinweis von Moonbird, eines der Flugzeuge von Sea-Watch, ein überfülltes Boot mit 28 Menschen an Bord, wieder in der maltesischen SAR-Zone. Nur einer von zwei Motoren funktionierte noch halbwegs. Die Situation an Bord war soweit stabil. Wir konnten die Menschen mit Rettungswesten und Lichtern versorgen und informierten erneut die MRCCs in Malta, Rom und Bremen. Hilfe blieb jedoch, einmal mehr, zunächst aus. Wir begleiteten das Boot, denn dessen Motor lief nicht zuverlässig. So ging das die ganze Nacht hindurch, bis die italienische Küstenwache kam und die Menschen evakuierte.

Boot mit 28 Insassen
Boot2_ÜbergabeICG

Doch ohne Pause ging es gleich weiter: In den frühen Morgenstunden des Dienstags wurden wir von maltesischen Behörden über zwei Notfälle informiert, verbunden mit der Bitte, dorthin zu fahren und zu helfen. Den einen übernahm die italienische Küstenwache, den anderen unsere Crew. Wir suchten sehr lange und fanden das Holzboot erst gegen Mittag dank Hilfe der Colibri 2. An Bord waren 17 Männer, es war kentergefährdet und hatte keinen funktionierenden Motor. Außerdem waren die Insassen schon dabei, Wasser aus dem Boot zu schöpfen.

Boot3_17Tunesier

Wir verteilten Rettungswesten und nahmen die Männer wegen des starken Wassereinbruchs und der Instabilität des Holzbootes zu uns an Bord. Da wir das Boot in der maltesischen SAR-Zone gefunden hatten, verwies uns die italienische Küstenwache an Malta, doch von dort kam keine Hilfe. An Bord der Nadir haben wir alle auf Covid-19 getestet, ihre Temperatur gemessen und sie medizinisch untersucht.

Nur kurze Zeit später entdeckten wir – immer noch in der maltesischen SAR-Zone – das vierte Boot in Seenot, auch überfüllt, mit 14 Menschen an Bord. Der zunächst noch funktionierende Motor fiel aus, sodass auch hier die Lage kritisch war. Wir schickten ein „Mayday Relay“ an Rom, Malta und Bremen und versuchten, die Situation zu beruhigen. Um 17:30 Uhr kam die italienische Küstenwache und evakuierte die 14 Menschen von dem Holzboot. Die Männer bei uns an Bord ließen sie zurück.

Boot 4
Boot4 Übergabe an ICG

Nur medizinische Notfälle werden evakuiert, Nadir fragt Port of Safety an

Die medizinische Lage an Bord wurde von Stunde zu Stunde kritischer. Ein Mann hatte einen Harnverhalt – er war zwei Tage nicht mehr auf der Toilette gewesen und war kaum mehr in der Lage zu sitzen. Ein anderer hatte Probleme mit seinem Fuß. Wir informierten das italienische Gesundheitsamt, woraufhin die italienische Küstenwache kam, um uns die medizinischen Notfälle abzunehmen. Die Küstenwache wollte sicherstellen, dass einzig diese beiden Fälle übernommen werden und sie nicht in die Lage kommen müssen, weitere Menschen an einen sicheren Hafen zu bringen. Deshalb mussten wir die beiden Männer, von denen einer kaum noch stehen konnte, mit unserem Beiboot bei Dunkelheit und ca. zwei Meter hohen Wellen zu dem Küstenwachschiff bringen. Diese Aktion war für alle Beteiligten lebensgefährlich.

Zu diesem Zeitpunkt war die Situation an Bord nicht mehr tragbar. Fast alle der Tunesier waren seekrank. Ein Mann litt unter einem akuten Abdomen und starken Schmerzen. Ein anderer wiederum hatte drei Monate zuvor einen Schlaganfall erlitten und musste sich stark übergeben. Wieder alarmierten wir das Gesundheitsamt und wieder holte die italienische Küstenwache nur die beiden medizinischen Notfälle ab. Wir weigerten uns dieses Mal, die Menschen im Beiboot zum Küstenwachschiff zu bringen da dies zu gefährlich gewesen wäre. So kam die italienische Küstenwache längsseits zur Nadir, jedoch mit dem eindringlichen Hinweis, dass die anderen „migrants“ auf die andere Seite müssen. So wollten sie gewährleisten, dass ihnen keiner der anderen aufs Boot springt. Wieder ließ man uns mit übrigen Geretteten an Bord allein. Zudem wurde durch die Aktion der Motor unseres Beibootes beschädigt.

Tunesier_Nadir

Zunehmender Seegang und weiterer Seenotfall

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch verschlimmerte sich die Situation weiter. Wind und Wellen wurden stärker, die Crew war komplett erschöpft nach fast drei Tagen im Dauereinsatz. Dennoch versuchten wir, die Menschen an Bord so gut es ging zu versorgen. Um die Sicherheit der Menschen weiter gewährleisten zu können, fuhren wir mit der Nadir schließlich in den Windschatten von Lampedusa.

Am Mittwochmorgen fanden wir dann das fünfte Boot, oder besser gesagt, das Boot fand uns, denn es trieb an uns vorbei aufs offene Meer. Wir wissen bis heute nicht, wie es dieses Boot bis kurz vor Lampedusa schaffte. An Bord waren etwa 17 Menschen, darunter fünf Frauen und ein Baby. Der Motor war defekt und es war Wasser im Boot. Die italienische Küstenwache kam, kurz nachdem wir sie informiert hatten, evakuierte die Menschen aus dem Holzboot und ließ uns wieder zurück. Kurz darauf mussten wir dem italienischen Gesundheitsamt einen weiteren medizinischen Notfall melden: ein 19-Jähriger, der sich stark übergeben musste.

Boot 5 vor Lampedusa

Fotos: Adriana Lamar Finkel

Lampedusa und Quarantäne

Um 11:30 Uhr bekamen wir die Information, dass unsere restlichen 13 Gäste sicher nach Italien dürfen. Als die italienische Küstenwache kam, nahm sie jedoch wieder nur den medizinischen Notfall mit. Parallel bekamen wir die Nachricht, dass wir die anderen 12 Männer persönlich in Lampedusa abgeben können – das bedeutete für uns das Risiko, im Hafen festgesetzt zu werden. Wir hatten keine andere Wahl, die jungen Männer mussten dringend an Land und einige benötigten medizinische Versorgung. Nachdem sie in Lampedusa von Bord gegangen waren, ordnete Italien eine zehntägige Quarantäne für unsere Crew an – eine für uns nicht nachvollziehbare Maßnahme, da wir weder einen Fuß auf italienischen Boden gesetzt hatten noch in Italien einreisen wollten und außerdem alle vollständig geimpft und negativ getestet waren. Auch die Covid-19-Tests unserer Gäste waren alle negativ.

So wirkt diese Quarantäne wie ein weiterer Versuch einer europäischen Behörde, ein ziviles Schiff daran zu hindern, wieder in das Einsatzgebiet zurückzukehren und Menschen in Seenot zu helfen. Schlussendlich befanden wir uns bis zum 2. September auf der Nadir vor Lampedusa ankernd in Quarantäne, während wir über Funk mit anhören mussten, wie weitere Boote in Seenot gerieten und teils niemand zu Hilfe kam. Am 3. September konnten wir an unserem Liegeplatz in Malta endlich wieder an Land gehen. Dort wird die Nadir nun für die nächste Beobachtungsmission vorbereitet.

Festung Europa

Bei dieser Beobachtungsmission zeigte sich erneut Europas Abschottungspolitik. Die beiden Mittelmeerstaaten Italien und Malta werden von der europäischen Staatengemeinschaft komplett allein gelassen. Die maltesische SAR-Zone ist unverhältnismäßig groß – ein Grund, weshalb Malta kaum auf „Mayday Relay“-Rufe reagiert und die italienische Küstenwache oft die Aufgabe der Malteser übernimmt – dies jedoch auch bis nur zu einem gewissen Grad. Die Leidtragenden dieses Wegsehens und Verschiebung von Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten sind alle Menschen, die sich auf die Flucht über das zentrale Mittelmeer begeben.

Eher werden Deals mit Libyen gemacht und unsichere Länder zu sicheren Herkunftsländern erklärt, anstatt sich um Menschen auf der Flucht in Seenot kümmern zu müssen. Europa darf dabei nicht länger wegsehen. Einer Entspannung der Situation an der tödlichsten Grenze der Welt ist nicht in Sicht, da Menschen nicht aufhören werden, vor Kriegen, Umweltkatastrophen und lebensunwürdigen Verhältnissen zu flüchten, an denen auch Europa historisch und machtpolitisch eine große Mitverantwortung trägt.

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