110 Menschen in drei herausfordernden Einsätzen gerettet

von Pietro Desideri und Linda Rochlitzer, Crew-Mitglieder auf der Nadir auf Mission 7/2022:  

Während unserer siebten Beobachtungsmission im Jahr 2022 unterstützten wir mit der Nadir über 100 Menschen in akuter Seenot aus drei Booten, die im zentralen Mittelmeer trieben. Bei herausfordernden Wetterbedingungen konnten die Menschen in allen drei Fällen an die italienische Küstenwache übergeben werden. Außerdem wurden wir Zeugen einer weiteren Rettung und erfuhren von mindestens 30 Menschen, die vermutlich ertrunken sind – all das, während in Italien ein Rechtsruck stattfindet.

Menschen retten sich auf tunesische Ölplattform

In der Nacht von Samstag, 17. September, auf Sonntag erfuhren wir von einem Bootsunglück nahe einer tunesischen Ölplattform, bei dem eine Person ums Leben kam. Als wir dort ankamen, hatten sich die 60 Überlebenden aus dem seeuntauglichen Boot bereits auf die Ölplattform gerettet, während das Boot mit der verstorbenen Person davontrieb. Gemeinsam mit der Open Arms Uno, die dem Seenotfall auch zu Hilfe kam, suchten wir die ganze Nacht nach dem Boot. Erst am Morgen konnte es mitsamt der Leiche geborgen werden. Zeitgleich wurden wir Zeuge davon, wie die tunesische Küstenwache ihre Rettungsaktion der Menschen von der Ölplattform wegen des schlechten Wetters abbrach. Die Ölplattform war mit der Versorgung dieser Menschen jedoch überfordert und benötigte medizinische Unterstützung von der Open Arms Uno. Auf deren Drängen hin durften schlussendlich alle Menschen an Bord der Open Arms Uno gebracht werden und konnten daraufhin nach Europa gebracht werden.

Ölplattform-im-Mittelmeer

Behörden entziehen sich der Verantwortung und zeigen keine Reaktion

Am Montag, 19. September, hörten wir via Funk den Notruf eines Fischers über ein Boot in Seenot in der maltesischen SAR-Zone. Es dauerte zehn Stunden, bis wir das Boot mitten in der Nacht erreichten. An Bord des seeuntauglichen Bootes waren 28 Menschen, darunter neun Frauen, 18 Männer und ein achtjähriges Kind. Nach ausbleibender Reaktion der maltesischen Behörden auf unser „Mayday Relay“ baten wir die italienischen Behörden um Unterstützung. Weil das Wetter immer schlechter wurde und das überfüllte Boot zu kentern drohte, nahmen wir die Frauen und das Kind an Bord der Nadir und zogen das Boot mit den verbleibenden Männern hinter uns her. Erst als wir mit den 28 Menschen die Grenze der italienischen SAR-Zone erreichten, erhielten wir Hilfe der italienischen Küstenwache, die zuvor noch auf die maltesischen Behörden verwiesen hatte. Bei diesem Mechanismus der gegenseitigen Zuschiebung von Zuständigkeiten im zentralen Mittelmeer werden Menschenleben riskiert.

Flüchtlingsboot-nachts
Boot-in-Seenot-im-Schlepp-der-Nadir

Zwei Einsätze innerhalb weniger Stunden

Keine 24 Stunden später erreichte uns die Meldung über zwei weitere Boote in Seenot, gesichtet von Seabird 2 (ein Flugzeug, betrieben von Sea-Watch). Beide Boote befanden sich nur wenige Seemeilen voneinander entfernt. Sie waren bereits mehrere Tage bei hohem Wellengang unterwegs und die Motoren funktionierten nicht mehr. Zudem waren die Boote einer extrem hohen Gefahr zu kentern ausgesetzt. Wir fanden das erste Boot, mit 35 Menschen an Bord, am frühen Nachmittag und sicherten die Menschen zunächst durch das Verteilen von Rettungswesten. Während wir selbst gegen die hohen Wellen ankämpfen mussten, nahmen wir dann alle Menschen mithilfe unseres Beibootes an Bord der Nadir.

Rettungswesten-verteilen-Nadir-crew

So schnell wie möglich brachen wir auf, um das zweite Boot noch vor Einbruch der Dunkelheit zu finden. Wir konnten die 40 Menschen sicher direkt an Bord der Nadir bringen. Die vierjährige M., die auf dem zweiten Boot war, hätte eine weitere Nacht auf dem Mittelmeer vermutlich nicht überlebt, da sie stark unterkühlt und dehydriert war. Unsere Ärztin konnte sie medizinisch versorgen, sodass sie schnell wieder zu Kräften kam.

In der Nacht befanden sich neben der Crew 75 Personen an Bord. Nach mehreren Stunden der Ungewissheit konnten wir alle Personen unter schwierigen Bedingungen an ein Schiff der italienischen Küstenwache übergeben. Diese führte trotz des hohen Wellengangs ein gewagtes Transshipment der 75 Menschen durch, wobei die Reling der Nadir stark beschädigt wurde.

Überlebende-an-Bord-der-Nadir

Verlorene Menschenleben als Folge der europäischen Politik

Menschen werden immer fliehen, die Politik der Festung Europa kann die Bedingungen nur unmenschlicher machen. Sie versucht Menschen, die aus ihren Ländern fliehen, durch ein komplexes militärisches Grenzkontrollregime zu kriminalisieren, und macht ihre Flucht nur noch schwieriger und unsicherer. Alarm Phone meldete uns zwei weitere Boote in Seenot, wovon eines von der italienischen Küstenwache gerettet wurde. Das zweite mit 30 Menschen an Bord haben wir leider nie gefunden. Wir sind traurig, dass diese Menschen während unserer Mission vermutlich ertrunken sind, was eine direkte Folge dieser Politik ist.

Zivilgesellschaft nimmt die Aufgaben der Staaten wahr

Während unserer Mission fanden in Italien Parlamentswahlen statt, bei denen eine rechtsextreme Regierung mit einer „harten“ Haltung zur Migrationspolitik gewählt wurde. Das politische Szenario verschlechtert sich dadurch, der institutionelle Rassismus in Europa nimmt wieder zu. Umso wichtiger ist eine lebendige Zivilgesellschaft, die die europäische Grenzpolitik nicht akzeptiert und Aufgaben übernimmt, die die Staaten erfüllen sollten. Jetzt erst recht!

Fotos: Pietro Desideri und Linda Rochlitzer

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