Einsatzbericht 2, 2026 (4. April–25. April, 2026) verfasst von Crew-Mitglied Erica Varone
Während unseres diesjährig zweiten Einsatzes mit der NADIR erlebt unsere Crew, wie nah Schrecken und Erleichterung beieinander liegen
Der zweite Einsatz im Jahr 2026 startete am 5. April. Nach dem Abschluss der letzten Briefings und dem Auffüllen aller Vorräte an Bord, legten wir von Malta ab. Am nächsten Morgen erreichten die Crew an Bord der NADIR die Küste von Lampedusa, um dort weitere Trainings durchzuführen und wichtige Abläufe zu verinnerlichen. Zahlreiche, von der NGO AlarmPhoneweitergeleitete Hilferufe gingen noch am selben Morgen ein. Leider waren alle zu weit von unserer Position entfernt, um auf sie reagieren zu können. Am Folgetag machten wir uns auf den Weg in das Einsatzgebiet, genauer: die internationalen Gewässer innerhalb der libyschen SAR-Zone, nördlich der MISKAR-Ölplattform.
Am Morgen des 8. April, gegen 5 Uhr, entdeckten wir auf dem Radar zwei Boote, ganz in der Nähe der NADIR. Diese fuhren ohne Lichter und konnten später von uns als Schiffe der sogenannten libyschen Küstenwache identifiziert werden. Sie nahmen über Funk Kontakt zu uns auf und fragten, ob wir etwas benötigten. Sie beobachteten uns mehrere Stunden lang aus der Ferne, ohne weiter mit uns zu interagieren. Später am Vormittag, lange nach Tagesanbruch, rasten sie plötzlich mit voller Geschwindigkeit davon.
Patrouillieren auf dem weiten Meer
Noch am Abend desselben Tages erhielt AlarmPhone einen Notruf: ein Schiff in Seenot, das sich nicht weit von uns entfernt befinden sollte. Wir fuhren zu den angegebenen Koordinaten. Da wir dort jedoch nichts Auffälliges finden konnten, patrouillierten wir noch einige Stunden lang in dem Gebiet – während es immer, immer dunkler wurde. Letztendlich fanden wir kein Schiff und haben daher keine Informationen darüber, was mit den Menschen in Not passiert war.
Wir verbrachten etwa eine Woche auf der Fluchtroute, ohne einen Einsatz durchzuführen. Alle Meldungen, die wir erhielten, betrafen Seenotfälle, die zu weit entfernt und für uns unmöglich zuerreichen waren.
Evakuierung unter den Augen der sogenannten libyschen Küstenwache
Am Morgen des 13. Aprils entdeckte das Such- und Aufklärungsflugzeug Seabird1 der Organisation Sea-Watch Menschen auf einem überfüllten Schlauchboot, die sich in Seenot befanden. Es war glücklicherweise ganz in der Nähe unserer Position und wir konnten es innerhalb weniger Stunden erreichten. Der Motor war defekt und die Schläuche hatten bereits Luft verloren, sodass die Menschen sofortige Hilfe benötigten. Wir nahmen alle an Bord der NADIR.
Noch während die Evakuierung an Bord der NADIR in vollem Gange war, näherte sich erneut ein Schnellboot der sogenannten libyschen Küstenwache mit hoher Geschwindigkeit. Sie nahmen unser Tempo auf und fuhren seitlich an die NADIR heran. Wir hatten bereits wieder auf Kurs Richtung Norden genommen, doch Tenderteam samt Beiboot waren noch im Wasser.Glücklicherweise versuchte das Schiff unter libyscher Flagge nicht, uns auf unserem Weg zu behindern. Zu unserer Erleichterung ließen sie nach einer Weile von uns ab und steuerten in eine andere Richtung. Am nächsten Morgen konnten schließlich alle 53 Überlebenden in dem uns zugewiesenen sicheren Hafen, Lampedusa, an Land gehen.
Starke Emotionen
Es war noch dunkel in den frühen Morgenstunden des 20. Aprils, als wir nach einem Notruf von AlarmPhone ein kleines Boot mit ausgefallenem Motor erreichten. Nachdem wir die Behörden benachrichtigt hatten, begannen wir, 27 Menschen auf die NADIR zu bringen. Unter ihnen befanden sich viele unbegleitete Minderjährige – der Jüngste war gerade einmal 11 Jahre alt. Nachdem er unser Beiboot betreten hatte, brach er in Tränen aus – ein Gefühlsausbruch nach Tagen der Angst und des Schreckens auf See, gefolgt von der Erleichterung, endlich in Sicherheit zu sein.
Nachdem alle 27 Menschen auf Lampedusa an Land gegangen waren, machten wir uns unverzüglich wieder auf den Weg ins zentrale Mittelmeer. Nur wenige Stunden nach unserer Rückkehr, in der Nacht vom 21. auf den 22. April, kam es zu einer plötzlichen Abfolge von Ereignissen, bei der wir in drei verschiedenen Fällen 90 Menschen halfen.
Evakuierung von einer verlassenen Ölplattform
Alles begann am späten Abend des 21. April, als wir 47 Menschen auf der verlassenen Ölplattform Didon entdeckten. Wir patrouillierten in der Gegend und erreichten die Plattform gegen 23 Uhr. Mit unseren Scheinwerfern leuchteten wir die völlig dunkle Plattform ab. Und plötzlich entdeckten wir sie: Menschen auf allen Ebenen der Konstruktion, die versuchten, unsere Aufmerksamkeit zuerregen.
Wir bereiteten uns darauf vor, das Beiboot zu Wasser zu lassen, um ihren Zustand zu überprüfen, als zwei Patrouillenboote der sogenannten libyschen Küstenwache neben uns auftauchten. Ihre Absichten waren unklar. Sie umkreisten uns ohne Lichter und ohne mit uns zu kommunizieren. Die Crew unseres Beibootes hatte bereits damit begonnen, die Menschen von der Plattform auf die NADIR zu bringen, darunter eine schwangere Frau und viele unbegleitete Minderjährige. Das libysche Schiff schien nicht eingreifen zu wollen. Vorsichtshalber positionierten wir die NADIR dennoch so, dass wir die Evakuierung ungestört durchführen konnten.
Nach einem Motorausfall hatten die Menschen die verlassene Didon-Plattform rund 10 Stunden zuvor erreicht – ohne Essen, ohne Wasser und ohne Schutz vor der Kälte, dem Wind und der Feuchtigkeit auf See.
Dreifache Rettungsaktion
Unmittelbar nach Abschluss dieses Einsatzes erhielten wir einen weiteren Notruf von AlarmPhone über ein weiteres Boot in Seenot: 24 Menschen auf einem Holzboot. Ganz in unserer Nähe. Wir koordinierten mit den tunesischen Behörden und machten uns auf den Weg. In der Ferne entdeckten wir sehr schwache Lichter, die sich als Handy-Taschenlampen der Menschen an Bord des Holzbootes herausstellten.
Als wir am Einsatzort ankamen, tauchte plötzlich ein weiteres Boot auf, ebenfalls seeuntauglich und nicht mehr in der Lage, sicher zu navigieren. Die Menschen an Bord schrien um Hilfe, und so begannen wir unverzüglich, Schwimmwesten zu verteilen. Anschließend brachten wir alle Überlebenden der beiden Boote auf die NADIR. Auch diesmal wurde die gesamte Evakuierung von der sogenannten libyschen Küstenwache beobachtet, die – zum Glück – nicht eingriff.
In den frühen Morgenstunden hatten wir schließlich 90 Menschen an Bord, darunter viele Kinder und Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Nach einer langen Fahrt in sichere Gewässer kamen wiram Abend des 22. April in Lampedusa an, wo alle Überlebenden sicher an Land gehen konnten.
Bildrechte: Erica Varone, Merle Dammhayn | RESQSHIP





