Erste Crew 2024 hilft bei Rettung von 229 Menschen in Seenot – und birgt eine Leiche

von Yannic L., Crew-Mitglied auf der Nadir auf Mission 1/2024 (Mai), Fotos: Leon Salner und Friedhold Ulonska

Während in Tunesien die Kriminalisierung von Migration ein neues Level erreicht, die tunesische Autokratie die letzten Reste des Rechtsstaats zu vernichten versucht und immer mehr regierungskritische Menschen verhaftet werden, setzt die Nadir zum ersten Mal in diesem Jahr ihre Segel Richtung Einsatzgebiet. In dieser Zeit trifft sie auf mehrere Boote aus Tunesien und ein Boot aus Libyen, die auf ihrem Weg nach Lampedusa, Italien, sind.

Die ersten Tage nach den Trainings verbringen wir hauptsächlich vor Lampedusa vor Anker, um die Schlechtwetterperiode abzuwarten. Als der Wind und die Wellen sich langsam legen, verlassen wir den Hafen, machen ein letztes gemeinsames Training mit Maldusa und ihrem neuen Schiff, dem neuesten Mitglied der zivilen Seenotrettung, und segeln in Richtung Tunesien. Eine Situation, die wir auch schon in den letzten Jahren wiederholt beobachtet haben, ist, dass Boote, die aus Tunesien ablegen, in der Regel keinen Notruf absetzen können, da der Besitz von Satellitentelefonen seit 2015 unter den Anti-Terrorgesetzen stark kriminalisiert ist. Deshalb sind wir vor allem auf die Koordinierung mit anderen Akteuren wie den Flugzeugen von Pilotes Volontaires und Airborne und auf unsere eigenen Augen angewiesen, um Boote in Seenot zu finden.

Direkt am ersten Tag im Einsatzgebiet wird die Nadir von Colibri 2 (Pilotes Volontaires) über ein manövrierunfähiges, treibendes Schlauchboot mit circa 60 Personen an Bord informiert. Watch the Med  Alarm Phone hatte ähnliche Informationen von Verwandten erhalten. Die Gruppe wurde seit Tagen auf See vermisst und trieb ohne Hilfe von Behörden. Als die Nadir nach zwei Stunden an der von Colibri 2 durchgegebenen Position ankam, waren die Menschen glücklicherweise schon von der italienischen Küstenwache, die demselben Notruf von Colibri 2 folgte, an Bord genommen worden. Sichtbar war nur noch das hinterlassene Schlauchboot. Wir drehten also wieder um in Richtung Tunesien.

Erster Einsatz: Schlauchboot mit 40 Menschen in Seenot

Am nächsten Morgen sichtete die Crew das nächste Boot: ein schwarzes Schlauchboot mit 40 Leuten an Bord. Der Motor war kaputt und die Gruppe war seit drei Tagen auf See, 35 Seemeilen von der tunesischen Küste entfernt, in der tunesischen Flugverbotszone. In dieser dürfen weder FRONTEX noch die zivilen Such- und Rettungsflugzeuge ihre Suchflüge durchführen. Deshalb treiben hier besonders oft und lange Boote, ohne irgendwelche Hilfe erwarten zu können. Die Crew beginnt sofort damit, allen Rettungswesten und Trinkwasser zu geben. Daraufhin warten wir gemeinsam mit den Menschen in Seenot auf die italienische Küstenwache, die drei Stunden nach dem gesendeten Mayday-Relay eintrifft und alle Menschen an Bord nimmt.

Vier Stahlboote mit je 44 Menschen an Bord an zwei Tagen

In den folgenden Tagen sichtete Colibri 2 täglich bis zu neun Boote, die hauptsächlich zwischen Tunesien und Lampedusa in Seenot gerieten. Die italienische Küstenwache schien mit der Situation und Menge an Booten sichtlich überfordert und konnte ihrer Aufgabe der staatlichen Seenotrettung kaum nachkommen. Die Nadir stimmte sich während dieser Einsätze immer wieder mit Maldusa ab, wer zu welchem Notfall fährt. In dieser Zeit traf die Crew der Nadir auf vier besonders schlecht selbstgefertigte Metallboote, alle überfüllt mit 40 bis 50 Menschen an Bord. Auf zwei der Boote befanden sich unter anderem Kleinkinder und Säuglinge, die jüngsten nur drei Wochen alt. Ein drei Wochen altes Baby und seine aus Kamerun stammende Mutter nahmen wir kurzzeitig an Bord, bevor die italienische Küstenwache alle nach Lampedusa brachte. Wie wir in diesem Einsatz immer wieder mit Schrecken feststellen mussten, waren diese Metallboote noch schlechter gebaut als im letzten Jahr. Dies weist darauf hin, dass die europäische Abschottungspolitik in Tunesien funktioniert und die Menschen sich auf immer schlechtere Boote und damit noch gefährlichere Überfahrten begeben, da ihnen keine andere Wahl bleibt, um den rassistischen Hetzjagden in Tunesien zu entkommen. Besonders ein Boot bleibt in Erinnerung: Die ersten Schweißnähte am Bug hatten sich bereits gelöst und der Rumpf brach immer weiter auseinander. Unerschöpflich schöpften die Insassen Wasser aus dem Boot, das nur noch wenige Zentimeter Freibord hatte.

57 Menschen aus Holzboot in Seenot gerettet

Im Laufe des 6. Mai verschlechtert sich das Wetter wieder auf Windstärke 5 und Wellen höher als einen Meter. Die Crew erwartet eine ruhige Nacht und ein baldiges Ende des Einsatzes. Um 22 Uhr kommt allerdings ein Notruf über Watch the Med Alarm Phone: circa 60 Personen auf einem blauen Holzboot, das zwei Tage nach der Abfahrt aus Libyen in der Nähe der tunesischen Insel Kerkennah treibt. Watch the Med Alarm Phone bleibt in Kontakt mit dem Boot und leitet regelmäßig Positionen an die zuständigen Behörden und die Nadir weiter. Die Crew findet das Boot nach zwei Stunden in den tunesischen Hoheitsgewässern. Geringe Englischkenntnisse auf dem Holzboot und geringe Arabischkenntnisse auf unserem Beiboot ermöglichen eine am Ende doch funktionierende Kommunikation. Es wurde klar, dass das Boot nicht alleine weiterfahren kann und sich an Bord mindestens eine tote Person und drei weitere Menschen, die dringend medizinische Hilfe brauchen, befinden. Allerdings wurde auch klar, dass eine Rettungsaktion mitten in der Nacht bei hohem Wellengang eine Herausforderung sein würde.

Zwei Bewusstlose und ein Leichnam 

Mit der beeindruckenden und nötigen Hilfe einiger der Schiffbrüchigen evakuierte die Crew über Stunden 55 Menschen auf die Nadir und konnte dann das Holzboot neben sich nehmen, um selbst das Boot betreten zu können und sich endlich um die medizinischen Notfälle zu kümmern. Dies war nötig, da eine Rettung bei diesem Seegang anders nicht möglich gewesen wäre. Neben dem beißenden Gestank von Benzin und menschlichen Exkrementen fand die Crew einen Leichnam, den die Bootsinsassen bereits hochgeholt hatten, und zwei bewusstlose Männer im unteren Deck. Dort war der Benzingehalt in der Luft so hoch, dass die Crewmitglieder nur mit Schutzmasken und für kurze Intervalle hinuntersteigen konnten, um die beiden Bewusstlosen zu bergen und auf die Nadir zu bringen. Dort wurden sofort Wiederbelebungsmaßnahmen und die Stabilisierung der in Lebensgefahr schwebenden Personen eingeleitet. Einer der drei Verletzten konnte von seinen zwei Brüdern versorgt werden, während sich die Bordärztin und der Bordarzt um die anderen beiden kümmerten. Um 5 Uhr morgens waren alle in Seenot geratenen Menschen an Bord der Nadir evakuiert und der Leichnam geborgen. 

 Während des gesamten Einsatzes wurden die Behörden konstant auf dem Laufenden gehalten, doch weder Italien, Malta noch Tunesien wurden aktiv, gaben Anweisungen oder boten Hilfe an. Um 7 Uhr morgens, neun Stunden nach dem ersten Notruf, informierten uns die lampedusischen Behörden, dass sie ein Küstenwachschiff für eine medizinische Evakuierung der beiden Verletzten schicken würden. Diese waren mittlerweile stabilisiert, litten jedoch unter schweren Vergiftungen durch das Benzingas und Verbrennungen durch das gefährliche Benzin-Salzwasser-Gemisch, das sich im unteren Teil des Bootes gesammelt hatte. Einer der beiden kam während der Fahrt wieder zu Bewusstsein. 

 Erschöpfung machte sich verständlicherweise an Bord breit. Viele der Geretteten schliefen direkt nach ein paar Crackern und etwas zu trinken unter ihren Rettungsdecken ein. Bei einigen setzte merkliche Erleichterung ein, dass eine weitere Etappe seit dem Verlassen der Heimat in Bangladesch, Pakistan, Ägypten und Syrien hinter ihnen lag. 

 Weitere drei Stunden später traf die italienische Küstenwache ein, um die medizinische Evakuierung durchzuführen und überraschenderweise alle Überlebenden an Bord zu nehmen. Nur den Leichnam wollten sie nicht mitnehmen, sodass die Nadir weitere fünf Stunden nach Lampedusa fahren musste, um den Verstorbenen an Land zu bringen. Von zwei Mitreisenden wurde der junge Mann „Salam“ (zu dt. Frieden) genannt. Die NGOs Maldusa und MemMed kümmerten sich um die weitere Identifizierung und den Kontakt zu den Hinterbliebenen, um einen angemessenen Trauerprozess zu ermöglichen, wieder eine Arbeit, die vor allem von NGOs, Betroffenenverbänden und Freiwilligen geleistet wird, weil staatliche Stellen keine Ressourcen dafür bereitstellen. 

Rückkehr nach Malta mit gemischten Gefühlen

Nach einem weiteren Tag italienischer Bürokratie beendete die Crew ihren Einsatz und segelte am nächsten Abend zurück nach Malta. Die Gefühle beim Abschied bestanden aus Trauer und Wut. Gleichzeitig bleiben Erinnerungen an die Begegnungen auf See und an die Menschen, die noch viel Kraft und Mut in ihrem weitergehenden Kampf gegen die rassistische Bürokratie der Europäischen Union brauchen werden. 

Die Hilfe unserer Crew war in mehreren Fällen dank der Unterstützung aus der Luft möglich: Wie schon so oft in den letzten Jahren hat die Colibri 2 von Pilotes Volontaires uns geholfen, Boote in Seenot zu finden. Lest dazu auch das Interview “Die Augen der Schiffe” mit PV-Gründer José Benavente . Aus diesem Grund sammeln wir aktuell Spenden für diese französische NGO – befristet bis Mitte Juli könnt ihr über unsere Website für Pilotes Volontaires spenden  und erhaltet dafür selbstverständlich eine Spendenbescheinigung von uns.

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