„Please stand by“ – von Behörden ignoriert, 73 Menschen gerettet

von Elena Kloppmann (Text und Fotos), Crew-Mitglied auf der Nadir: 

Während der sechsten Beobachtungsmission von RESQSHIP im zentralen Mittelmeer konnte die Besatzung der Nadir in zwei Einsätzen insgesamt 73 Menschen in Not helfen: Von einem Holzboot, das zu kentern drohte, wurden 39 Menschen bei stürmischem Wetter evakuiert und nach Lampedusa gebracht. Ein weiteres Boot in Seenot fand die Nadir bei Fortsetzung ihrer Mission nach einer zehntägigen Quarantäne. An Bord: 34 Menschen, darunter 15 Kleinkinder und eine im achten Monat schwangere Frau. Unsere Crew nahm sie an Bord der Nadir und musste über 40 Stunden warten, bevor sie die Menschen endlich an Land bringen konnte – und zum zweiten Mal in Quarantäne musste.

Als wir am Nachmittag des 4. Oktobers die RESQSHIP-Basis in Malta zur sechsten Beobachtungsmission in diesem Jahr verließen, war bereits klar, dass wir es in der SAR-Zone mit herbstlichem (Un-)Wetter zu tun haben würden. Kaum 24 Stunden nach unserer Ankunft im südlichen Teil der maltesischen SAR-Zone informierten uns Alarmphone und Sea-Bird über ein Boot in Seenot, etwa zwei Stunden nördlich unserer Position. Auf dem Weg dahin entdeckten wir ein anderes Boot mit 39 Menschen an Bord. Ihr Motor war ausgefallen war, sie waren bereits seit vier Tagen auf See, einige hatten angefangen, Meerwasser zu trinken. Eine Mutter mit Kleinkind nahmen wir sofort zu uns an Bord, da die Frau medizinische Hilfe benötigte. Sie wurde kurz ohnmächtig, wir konnten sie aber schnell stabilisieren. Während die Nacht hereinbrach und die Nadir in der Nähe des Holzbootes blieb, nahmen Wind und Wellen immer mehr zu. Da das Holzboot zu kentern drohte und somit das Leben der 37 verbliebenen Passagiere akut gefährdet war, beschlossen wir, alle an Bord der Nadir zu nehmen und somit in Sicherheit zu bringen.

Rettungseinsatz-Holzboot-Seenot-Nadir-Resqship

Stürmische See macht Rettung und anschließende Fahrt zur Herausforderung

Aufgrund des hohen Wellengangs erwies sich die Evakuierung des Bootes als sehr schwierig. Unser Beiboot wurde gleich zu Beginn der Anbordnahme beschädigt. Deshalb fixierten wir das Holzboot parallel zur Nadir und übernahmen alle Passagiere direkt. Sobald alle Gäste – die meisten von ihnen aus Gambia – sicher an Bord waren, nahmen wir Kurs auf Lampedusa, was uns durch die zuständigen Behörden als sicherer Hafen zugewiesen wurde. Das Segeln durch bis zu drei Meter hohen Wellen und stürmischen Bedingungen war schon eine Herausforderung an sich, und 37 junge Männer an Deck machten diese Aufgabe sicherlich nicht einfacher. Ausgerüstet mit Schwimmwesten und mit Hilfe der Besatzung, die dafür sorgte, dass niemand über Bord ging, konnten wir alle Gäste in Sicherheit bringen. Auf dem Weg nach Norden, in Richtung Lampedusa, trafen wir auf das in Seenot geratene Boot, zu dem wir ursprünglich unterwegs gewesen waren. Ein engagierter tunesischer Fischer wartete zu dem Zeitpunkt bereits seit mehreren Stunden darauf, italienische oder maltesische Unterstützung bei der Rettung der Menschen zu erhalten. Seine zunehmend verzweifelten Mayday-Relay-Notrufe stießen auf taube Ohren, wie wir über Funk mitanhören mussten. Wie wir später erfuhren, wurde das Boot am Ende doch von der italienischen Küstenwache geborgen.

Als sich das Wetter am Morgen beruhigte, untersuchte und behandelte unser Sanitäter an Bord die weniger akuten Fälle, darunter auch einige chemische Verbrennungen. Nach einer langen Nacht konnten schließlich alle Gäste in Lampedusa an Land gehen. Und wir mussten uns in Quarantäne begeben. Zwar war es nie unsere Absicht, italienischen Boden zu betreten, auch ist die gesamte Crew vollständig geimpft und alle Gäste an Bord waren durch uns negativ auf COVID-19 getestet worden. So verbleibt als einzig plausible Erklärung für dieses behördliche Vorgehen der Wille, uns so lange wie möglich davon abzuhalten, erneut Leben zu retten.

 

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Erneuter Einsatz: 10 Stunden lang auf der Suche nach einem Boot in Seenot

Nach Abschluss der zehntägigen Quarantäne liefen wir am frühen Morgen des 16. Oktober erneut in die SAR-Zone aus. Bedingt durch gute Wetterbedingungen, die ein Ablegen von der libyschen Küste vereinfachten, kamen gleich mehrere Notfallmeldungen auf einmal via Alarmphone. Während die Sea-Watch 3 mehrere Boote im Süden übernahm, machten wir uns auf den Weg zu zwei Booten, die sich bereits weiter nördlich in der maltesischen SAR-Zone befinden sollten. An ihrem letzten bekannten Standort, den wir von dem FRONTEX-Aufklärungsflugzeug Eagle 1 erhalten hatten, konnten wir die beiden Boote nicht finden. So begaben wir uns auf eine zehnstündige Suche bis tief in die Nacht hinein. Wir zeichneten ihre wahrscheinlichste Route auf, starrten stundenlang durch das Fernglas, kletterten auf den Mast, um weiter sehen zu können, und lauschten angespannt dem Meer, um mögliche Rufe zu hören. Endlich entdeckten wir um 1:30 Uhr morgens die beiden Fiberglasboote, die mit ausgefallenen Motoren im Wasser trieben.

Seenot-Gerettete an Bord der Nadir Resqship-Beobachtungsmission

18 Minderjährige mit ihren Eltern und eine schwangere Frau gerettet

An Bord waren 34 Menschen, mehr als die Hälfte davon minderjährig. Vor allem bei den fünfzehn Kleinkindern bestand die Gefahr einer Unterkühlung, weshalb der Bordarzt empfahl, die Familien an Bord der Nadir zu nehmen. Die Insassen berichteten uns, dass sie ihre Reise etwa 24 Stunden zuvor angetreten hatten und alle aus Libyen stammten. Ursprünglich waren die beiden Boote nicht gemeinsam unterwegs gewesen, aber als dem einen Boot der Treibstoff ausgegangen war, setzten die beiden Boote ihren Weg aneinander getaut gemeinsam fort, bis auch der Motor des anderen Bootes ausfiel. Unter den 34 Menschen befand sich eine im achten Monat schwangere Frau mit drei Kleinkindern und ihrem Ehemann. Sie hatte Schmerzen und erlitt an Bord eine kurze Panikattacke. Nachdem sie stabilisiert worden war, entbrannte ein langer politischer Kampf, da weder Malta noch Italien die Verantwortung für die geretteten Menschen übernehmen wollten.

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Kampf mit den Behörden, damit sie sich nicht länger vor ihrer Verantwortung drücken

Während der Skipper und die Co-Skipperin ihre ganze Energie in einen heftigen Austausch von Funksprüchen, Anrufen und E-Mails mit den zuständigen Behörden steckten, sorgte die restliche Besatzung dafür, dass es allen Gästen an Bord so gut wie möglich ging, dass sie sich in Sicherheit befanden und etwas zu essen bekamen. Da die Gäste zwei Tage lang an Deck ausharren mussten und den Elementen hilflos ausgeliefert waren, traten – besonders nachts – immer mehr Fälle von Unterkühlung und Seekrankheit auf. Mehr als 40 Stunden dauerte der politische Tanz der Verantwortungslosigkeit und des Ausweichens zwischen MRCC Rom, Malta und Bremen, bis man uns schließlich Lampedusa als sicheren Hafen zuwies. Große Erleichterung überkam alle, als die gute Nachricht verkündet wurde und wir endlich den italienischen Hafen anlaufen konnten. Und wie erwartet stellten die italienischen Behörden die erschöpfte Besatzung der Nadir ein weiteres Mal unter Quarantäne. Nach der Beendigung dieser zweiten Quarantäne und aller damit verbundenen Auflagen konnte die Crew am 30. Oktober sicher und wohlbehalten im maltesischen Heimathafen an Land gehen.

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Fotos: Elena Kloppmann

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