Mit einem Bein in Sicherheit

Einsatzbericht 4 2026 (Mai 20. Juni 2026) verfasst von Friedhold Ulonska 

Ein Bild wie aus einem Kindergarten: Ein Dutzend kleiner Menschen, vom Baby bis zu einem Meter groß, einige Mütter. Sie drängen sich im Wohnzimmer der NADIR, manche neugierig, manche zu Faxen aufgelegt, manche einfach nur müde. Kein Wunder: Sie waren tagelang unterwegs auf einem Schlauchboot. Dicht gedrängt, kein Bewegungsraum, nichts zu essen und irgendwann auch nichts mehr zu trinken.  

Ein Aufklärungsflugzeug der Europäischen Union (EU) – genauer gesagt der Grenzagentur Frontex – entdeckte das Boot, während es langsam nach Norden fuhr. Der Flieger sendete per Funk ein Mayday Relay. Das bedeutet: Wir sehen ein Boot mit Menschen in unmittelbarer Lebensgefahr. Auf der NADIR empfangen wir diesen Notruf, ändern unseren Kurs, geben „volle Kraft voraus.“ Wir finden das Boot, versorgen die Menschen, nehmen sie an Bord. 

Es ist das dritte Boot mit Menschen auf der Flucht, das wir in diesem Einsatz – es ist bereits der vierte Einsatzzeitraum der NADIR in diesem Jahr – finden und versorgen können. Besonders sind die vielen Babys, Kinder und Jugendlichen an Bord: Rund 20 junge und jüngste Menschen sind es, zusammen mit einem Dutzend Frauen machen sie mehr als die Hälfte der 51 Menschen auf dem Boot aus. Darunter ist auch ein kleines Mädchen – zwei, drei Jahre alt – mit einem Lackschuh. Sie hat nur noch den einen Schuh, aber den gibt sie nicht her. Wir kommen darauf noch zurück. 

Menschen auf überfüllten Schlauchboot im Meer

Die Crew wird zum Team 

Rückblende. Anfang Juni, vor knapp drei Wochen, hat sich die Crew auf der NADIR eingefunden. Sieben Menschen aus fünf Nationen und drei Generationen. Unterschiedliche Erfahrungen auf See und bei Notfalleinsätzen. Männer, Frauen, Diverse. Intensive Tage der Vorbereitung: Technisches,  Proviantierung, Briefings, Trainings. Kennenlernen, Sichorganisieren. Behörden-Procedere, Ablegen, Kurs auf das Seegebiet zwischen Lampedusa, Tunesien und Libyen nehmen. Unser Auftrag: Beobachten und dokumentieren, was Menschen auf der Flucht dort erleben müssen. Und, wenn Menschen in Seenot sind, die Pflichten aller Seeleute erfüllen: Unterstützung, Sicherung. Dafür sorgen, dass die Menschen in Not an einem sicheren Ort an Land gehen können. 

Crew im Training

Der Weg ins Zielgebiet wird genutzt für Trainings – und schon am ersten Morgen erreicht uns ein Mayday Relay. Wir setzen Kurs, “volle Kraft voraus.” Drei Stunden später sehen wir ein Boot der italienischen Küstenwache mit vielen Menschen an Deck: Die staatlichen Retter haben ihren Job gemacht, die Flüchtenden sind in Sicherheit. Die Charlie Papa (CP) – so nennen wir die Boote der italienischen Küstenwache nach den ersten Buchstaben ihrer Kennzeichen „CP“ – dreht ab und bringt die Menschen nach Lampedusa. Wir können die Maschine drosseln. 

Das Boot der Flüchtenden, die die CP evakuiert hat, nutzen wir noch für ein realistisches Training: Unsere Crew ist unterschiedlich erfahren, hat verschiedene Vorgehensweisen im Kopf. Da gilt es, sich abzustimmen und auf einen einheitlichen Prozess zu verständigen. Die Chance ist willkommen und wird genutzt. 

Trügerische Ruhe 

Die nächsten Tage sind ermüdend, manche würden sagen: frustrierend. Trotz ruhigem Wetter sind in unserem Suchgebiet westlich von Tripolis keine Boote unterwegs. Eine Woche vergeht, in der einfach nichts passiert. Ein Phänomen, das auch in der Vergangenheit immer wieder vorkam. Warum? Spekulation. Niemand weiß es.  

Aber wir hören auf unseren Kanälen, dass östlich von Tripolis immer wieder Boote gemeldet werden. Also beschließen wir, unsere Position dorthin zu verlegen. Denn wir sind in dieser Zeit das einzige zivile Einsatzschiff in der Region. Wer, wenn nicht wir, könnte Menschen auf der Flucht helfen, an einen sicheren Ort zu gelangen? Dass es die meisten staatlichen Akteure nicht ausreichend tun, wissen wir. 

Die Menschenjäger der EU 

Ja, nun sind wir näher dran an den Positionen von den Booten in Not, die die Frontex – Flugzeuge jeden Morgen melden. Doch nicht nah genug. Die Häscher der sogenannten libyschen Küstenwache sind immer schneller vor Ort als wir. Vielleicht, so können wir vermuten, weil Frontex sie früher informiert als die allgemeine Schifffahrt. Jeden Tag erleben wir so, wie Menschen, die versuchen, der Hölle in Libyen zu entkommen, von libyschen „Rettern“ gestoppt und zwangsweise zurückgebracht werden. Von der Europäischen Union (EU) finanziert und von Mitgliedsstaaten wie Italien wohlwollend mit Schiffen bedacht. Das ist so, als wenn die Feuerwehr Menschen aus einem brennenden Haus rettet, kurz versorgt und dann in das brennende Haus zurückbringt. EU-Praxis in a nutshell. 

sogenannte libysche Küstenwache

Hier im Osten bekommen auch wir Besuch von den Schergen dieser sogenannten Küstenwache. Mehr oder weniger offiziell – auch schon mal in Booten ohne jede Kennzeichnung – umkreisen sie die NADIR. Maskierte Gestalten im Tarnanzug fordern uns auf, zu verschwinden. Fuchteln mit Gewehren, drohen uns, als es ihnen nicht schnell genug geht, zu schießen. Wir wissen, dass sie genau das erst vor wenigen Tagen mit anderen zivilen Schiffen getan haben. In internationalen Gewässern, weit weg vom libyschen Hoheitsgebiet. Dafür wurden sie von der EU ausgebildet. 

18 Stunden auf dem Deck der NADIR 

Eine absehbare Wetterverschlechterung lässt uns wieder nach Westen fahren. Genau in ein Mayday Relay weit im Süden. Klar, wir setzen Kurs, geben Gas, verfolgen die Positionsmeldungen – zuerst von einem Frontex – Flugzeug, dann von Albatross UNO, einem zivilen Suchflugzeug. Wir finden das Boot: 62 Menschen, darunter etliche Frauen und Kinder, einige benötigen medizinische Hilfe. Wir nehmen alle an Bord, versorgen sie. Wir setzen Kurs auf Norden und erbitten von den Behörden, die Menschen in Lampedusa an Land bringen zu dürfen. Das wird bewilligt. 18 lange Stunden später – unsere Gäste müssen dicht gedrängt auf dem Deck ausharren – erreichen wir Lampedusa, die Schutzsuchenden können endlich sicher an Land gehen. 

Nadir bei Sonnenuntergang mit Menschen an Bord

Lampedusa? Die Insel der tollen Menschen. Die anderen Menschen in Not helfen, wo es nötig ist. Die Insel, die an der Hafeneinfahrt „Welcome“ sagt und Herzchen zeigt. Aber die auch Teil eines Staates ist, der lieber Stacheldraht hochzieht und Menschen mit Füßen tritt (EU–approved). 

Unwillige Behörden 

Die Starkwind – Phase ist vorbei, wir hören beim Frühstück das nächste Mayday Relay. Maschinen vorwärmen, Abstimmung mit den Behörden, Leinen los: Wir sind hilfsbereit. Rund vier Stunden dauert es, bis wir das Boot in Not finden. Diesmal hoffen wir darauf, dass die Behörden reagieren – in gleicher Entfernung kam wenige Tage zuvor die italienische Küstenwache. Doch diesmal? Das Behörden Ping-Pong. Italien sagt: „Call Malta“; Malta sagt: „Standby“; Italien: etc. … Keine Behörde kommt ihrer Verpflichtung nach. Die wäre – unabhängig von der regionalen Zuständigkeit – dafür zu sorgen, dass dem Boot in Not geholfen wird. Italien: “No, niente.” Malta:  
“No, xejn.” NADIR: “Ja, was denn auch sonst!” 

Menschen mit Schwimmwesten sitzen auf einem Schlauchboot im Meer

Wir geben den Behörden per E-Mail noch einmal etwas Zeit zu reagieren und nehmen dann die Flüchtenden an Bord. Wir sind als Crew etwas frustriert, weil wir den Menschen auf der Flucht durch die Kommunikation mit den zuständigen Stellen eine dreistündige Verzögerung zugemutet haben. Und das, obwohl wir ja wissen konnten, dass die Behörden nicht reagieren und diesen „case“ wieder einmal privaten Helfern überlassen würden. 38 Menschen können so sicher in der Nacht in Lampedusa Festland betreten. So, wie einige Tage später die Menschen, von denen eingangs die Rede war. 

Auch in diesem Einsatz kann man viel von den Behörden berichten. Von Frontex, deren Flugzeuge stundenlang über einem Boot kreisen, bis auch der letzte Mensch an Bord der NADIR ist. Von den Verweisen auf andere Behörden, obwohl jede Behörde verpflichtet ist, die Verantwortung zu übernehmen – und das nicht an zivile Schiffe übertragen kann. Auch von der Guardia Costiera auf Lampedusa, die nach unserem Eindruck gerne helfen würde, aber nicht darf. Von der EU, die während dieses Einsatzes ihr neues “Gemeinsame Europäische Asylsystem“ in Kraft gesetzt hat. 

Menschen werden nachts am Hafen an Land gebracht
Menschen wie Du und ich 

Im Fokus stehen für uns die Menschen auf der Flucht. 151 von ihnen konnten wir helfen, an einem sicheren Ort an Land zu gehen – einer unbekannten Anzahl anderer leider nicht. Es waren zehn, zwölf, achtzehn Stunden, die wir an Bord Gelegenheit hatten, mit ihnen zu reden, zu fühlen, zu schweigen. 

Was wir wahrnehmen, ist nicht neu: Erschöpfte Menschen. Wenn sie erzählen, hören wir von horrenden Erlebnissen. Wir sehen: Narben, Schwären, Verbrennungen, andere körperliche Spuren. Schwangere mit Babys, deren Väter oft unter libyschen Vergewaltigern zu suchen sind. Oft blicken wir in leere Augen und können nur hoffen, dass sie noch Zukunft sehen können.  

Person liegt ausgestreckt auf NADIR

Wir behandeln diese Menschen wie jeden anderen Menschen auch. Wir heißen sie willkommen auf unserem Schiff, geben ihnen die Möglichkeit aufs Klo zu gehen oder zu duschen, sich die Zähne zu putzen, was zu trinken und ein bisschen zu essen. Ein einfacher Internet-Zugang, um kurze Nachrichten zu verschicken. Alles ganz simpel. Wir hören den Menschen zu, wenn sie erzählen wollen, und schenken Gesellschaf, wenn sie lieber schweigen. Wir spielen mit den Kindern. Es spielt keine Rolle, ob sie aus Sudan, Mali, Eritrea, Schwaben oder Schweden stammen – es sind Menschen wie Du und ich. Wertvolle Menschen. 

Mit einem Fuß in Europa 

Vor zwei Jahren entdeckten wir ein leeres Boot. Die Menschen darin waren von der sogenannten Küstenwache zurück geschleppt worden. Wir fanden ein Paar Lackschuhe, das einem kleinen Mädchen gehört haben muss. Wir machten uns Gedanken über das Schicksal dieses Kindes, dessen Träume (oder besser: die seiner Eltern) im Terror der EU-finanzierten libyschen Gestalten geendet hatten. Die Lackschuhe blieben auf dem Meer zurück. 

Bei dieser Reise haben wir 151 Menschen an einen sicheren Ort in Lampedusa gebracht. Damit aber auch ausgeliefert an die neue EU-Doktrin, die erlaubt, dass Kinder – wie das kleine Mädchen mit dem einen Lackschuh – ins Gefängnis gesteckt werden. 

Der eine Schuh. Mit einem Bein in Sicherheit. Gibt es eine Zukunft in Europa?
Kind mit Schwimmweste auf Arm eines Erwachsenen

Bildrechte: Friedhold Ulonska | RESQSHIP

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