Einsatzbericht 6 – 2026 (17.07. – 08.08.2026), verfasst von Jan Salmen, Tender-Fahrer und Medienperson
Am 21. Juli erreichte die Crew Nummer 6 in diesem Jahr das zentrale Mittelmeer an Bord der NADIR. Die Vorräte waren aufgefüllt, Abläufe eingespielt, Schiff und Crew bereit für die nächsten Wochen auf See. Nach intensiven Vorbereitungen, Trainings und Sicherheitsbriefings erklärten wir uns wieder für einsatzbereit, um Menschen in Not zu unterstützen. Wie notwendig unsere Präsenz hier nach wie vor ist, sollte sich schon wenig später zeigen.
Unwetterwarnung
Die ersten Tage waren geprägt von schwerem Wetter. Nachdem wir das Einsatzgebiet erreichten, um bei möglichen Seenotfällen intervenieren zu können, war bereits klar, dass wir nicht allzu lange auf der offenen See verweilen werden können. Die Vorhersage mit meterhohen Wellen, starken Böen und daraus resultierender starker Drift sollte Recht behalten und so waren wir froh, als wir wenige Tage nach Einsatzstart im Wind- und Wellenschatten von Lampedusa Schutz suchen konnten. In den folgenden Tagen erreichten uns viele Unwetterwarnungen, aber keine Hinweise auf Menschen, die sich in Seenot befanden. Wir hoffen sehr, dass dies der Situation entsprach und niemand unter diesen Bedingungen, den verzweifelten Versuch einer Flucht über das Mittelmeer unternahm. Nachdem sich die See wenige Tage später zwar etwas beruhigte, aber immer noch rau war, legten wir erneut den Kurs in Richtung Süden.
Ausschau halten
Während unsere Crew im Einsatz patrouillierte, entdeckten wir diverse leere oder auch halb gesunkene Boote. Sie waren Zeugnisse dafür, dass Menschen in dieser Gegend immer wieder auf Hilfe angewiesen waren und sind. Was mit den Menschen aus den verlassenen Booten passiert war, konnte nicht mehr festgestellt werden. Im besten Falle wurden Sie von einem Schiff gefunden, dass sich an internationales Seerecht hielt und mit ihnen in einen sicheren Hafen einlief. Im schlimmsten Falle hatten sie ihre Reise mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nicht überlebt. Eine weitere Möglichkeit war, dass die von der EU-finanzierte sogenannte lybische Küstenwache sie abgefangen hatte und sie illegal zurück in ein für sie nicht sicheres Land brachte. Diese Abfangpraxis der sogenannten lybischen Küstenwache ist illegal, da sie das Nicht-Rückführungsprinzip im Völkerrecht missachtet. Der international als Non-Refoulement-Prinzip bekannte Grundsatz verbietet einem Staat, eine Person in ein Land abzuschieben, in dem ihr schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen drohen.
Auch unsere Crew machte Begegnungen mit der sogenannten lybischen Küstenwache, die gleichzeitig mit uns, jedoch mit viel höherem Tempo und anderen Intentionen Kurs auf Standpunkte diverser Seenotmeldungen nahm. Leider kamen sie uns oft zuvor.
27 Menschen auf einem Schlauchboot in Seenot
Am 30. Juli erhielt unsere Crew über die Organisation Watch the Med – Alarm Phone (kurz: Alarm Phone) die Meldung über Menschen in einem vollbesetzten Schlauchboot in Seenot. Nach einigen Stunden der Suche konnte unsere Crew das Boot lokalisieren. An Bord befanden sich 27 Menschen, die drei Tage zuvor von Zuwara in Libyen aufgebrochen waren. Unter den 15 Frauen und zwölf Männern befanden sich mehrere Minderjährige, die ohne Begleitung unterwegs waren. Eine der Frauen war im vierten Monat schwanger.
Das überfüllte Schlauchboot war den Bedingungen auf See nicht gewachsen. Ohne Schwimmwesten und dem heftigen Wellengang ausgesetzt, befanden sich die Menschen in einer zunehmend gefährlichen Situation. Unserer Crew gelang es, alle Personen mit dem Tender vom Schlauchboot zur NADIR zu fahren und schließlich alle sicher zu evakuieren. An Bord der NADIR erhielten die Überlebenden Wasser, Nahrung sowie saubere und trockene Kleidung. Einige litten an chemische Verbrennungen, die sie durch das Salzwasser-Benzin-Gemisch erlitten hatten – Verletzungen, die leider häufig in Booten dieser Art vorkommen. Auf dem knapp 15–stündigen Weg nach Lampedusa musste die schwangere Frau aufgrund gesundheitlicher Komplikationen von der italienischen Küstenwache evakuiert werden. Die übrigen Schutzsuchenden blieben bis zur Ankunft in Lampedusa an Bord der NADIR, wo sie am folgenden Tag sicher an Land gehen konnten.
Evakuierung von der Didon-Plattform
Wenige Tage später erreichte uns erneut eine Meldung von Alarm Phone, die von Personen auf einer Plattform berichtete. Die Suche führte uns zur verlassenen Didon-Ölplattform in der tunesischen Such- und Rettungszone. Dort harrten fünf junge Männer zwischen 16 und 20 aus Somalia aus. Nachdem ihre Überfahrt gescheitert war, konnten sie sich auf die seit Jahren ungenutzte Plattform retten. Bei ihrer Evakuierung berichteten sie, bereits seit mehreren Tagen dort festgesessen zu haben. Um zu überleben, hatten sie von abgestandenem Wasser auf der Plattform getrunken, zu essen hatten sie seit Tagen nichts mehr. Kurz nach Mitternacht konnte unsere Crew die fünf Jugendlichen und jungen Erwachsenen sicher an Bord nehmen. Alle litten unter Erschöpfung und Dehydrierung.
Auf der Überfahrt nach Lampedusa hatten wir die Möglichkeit die Geschichten hinter diesen Menschen zu erfahren. Für die meisten von ihnen hatte die Flucht bereits vor Jahren begonnen. Als Minderjährige hatten sie Somalia verlassen und waren über verschiedene Stationen bis nach Libyen gelangt. Dort hatten sie unter schwierigen Bedingungen gelebt, mussten in ausbeuterischen Verhältnissen in lybischen Gefängnissen für ihre Freilassung arbeiten und versuchten durchgehend ihre Flucht zu finanzieren. Einige sagten, dass dies der erste und letzte Versuch sein würde, da sie die Strapazen nicht erneut schaffen würden. Entweder sie würden die Freiheit in Europa oder den Tod in Libyen finden. Am 3. August gingen auch sie sicher in Lampedusa an Land. Wir wünschen ihnen viel Glück auf ihrem weiteren Weg.
Einsatzbilanz
Zwischen Juli und August konnte die sechste Crew der NADIR insgesamt 32 Menschen in Seenot unterstützen. Hinter dieser Zahl stehen 32 individuelle Lebensgeschichten und ebenso viele Hoffnungen auf Sicherheit und eine Zukunft in Frieden. Die Begegnungen während dieses Einsatzes haben uns erneut vor Augen geführt, wie groß die Gefahren auf der Fluchtroute über das zentrale Mittelmeer sind und wie verzweifelt die Menschen sein müssen, um solche Gefahren einzugehen.
Was für unsere Crew zurückbleibt, ist die tiefwirkende Erinnerung an diese Menschen, denen wir begegnen durften, und die Gewissheit, wie unverzichtbar zivile Seenotrettung weiterhin ist.
Einsatzbericht 6 – 2026 (17.07. – 08.08.2026), verfasst von Jan Salmen, Tender-Fahrer und Medienperson
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