Angst, Hoffnung und Widerstand im (militarisierten) Mittelmeer

Navigation zwischen Schiffbrüchen und Abfangaktionen gewalttätiger Milizen, während Menschen auf der Flucht nach Europa weiterhin ihr Recht auf Bewegungsfreiheit ausüben. 

Vom ›Mensch-sterben-Lassen‹ zur ›Macht zu töten‹ 

Im vergangenen Jahr hat die Präsenz der sogenannten libyschen Küstenwache (scLCG) im zentralen Mittelmeer deutlich zugenommen. Dies führt zu einem besorgniserregenden Anstieg von Abfangaktionen gegen Menschen auf der Fluchtroute, die versuchen, das zentrale Mittelmeer zu überqueren. 

Immer öfter beschränken sich die Europäische Union (EU) und ihre Mitgliedsstaaten nicht mehr nur darauf, durch Wegsehen Menschen auf See ›sterben zu lassen‹ – wie es in den letzten Jahren der Fall war. Stattdessen lagert sie ihr Grenzmanagement immer weiter an gewalttätige libysche Akteure aus, indem sie diese ausbildet und ihre Ausrüstung finanziert. Mit dieser Ausrüstung werden Menschen auf See abgefangen, zurück nach Libyen geschleppt, dort unter haftähnlichen Bedingungen festgesetzt und schwersten Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt: Ausbeutung, sexueller Gewalt und Folter. 

Zuletzt haben wir beobachten können, dass bei schweren Wetterlagen mehr Boote in Seenot gemeldet werden. Das deutet darauf hin, dass Menschen häufiger bei rauer See aufbrechen – wenn also die Patrouillenboote der scLCG geschützt im Hafen bleiben. Dadurch hoffen Schutzsuchende offenbar darauf, das Risiko von Abfangaktionen und völkerrechtswidrigen, gewaltsamen Rückführungen nach Libyen zu verringern. Die absehbare und verheerende Folge dieses Trends ist eine Zunahme von Schiffbrüchen und als vermisst gemeldeten Personen. Das Sturmtief Harry im Januar 2026 war dafür ein schreckliches Beispiel: Mehr als zehn Boote mit hunderten Personen wurden im zentralen Mittelmeer als vermisst gemeldet. Diese Todesfälle werden nicht durch ›das Meer‹ als Naturgewalt verursacht; sie sind eine direkte Folge der Politik der EU. 

Bei diesen Abfangaktionen geht es nicht darum, Menschen in Sicherheit zu bringen: Nach internationalem Recht sollen flüchtende Personen an einen Ort gebracht werden, an dem sie nicht um ihr Leben, die Deckung ihrer Grundbedürfnisse und die Wahrung ihrer Menschenrechte fürchten müssen. Zahlreiche Forscher:innen sowie Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und internationale Organisationen sind sich einig, dass weder Tunesien noch Libyen als „sichere“ Staaten gelten können. Da Zwangsrückschleppungen von Menschen in diese Länder gegen das im Flüchtlingsrecht verankerte Non-Refoulement-Prinzip verstoßen, sind sie in jeder Hinsicht illegal. 

Die Abkommen zwischen der EU und Libyen, die sogenannten Absichtserklärungen (Memoranda of Understanding), führen zudem zu einer tödlichen Instrumentalisierung des Lebens von Menschen auf der Flucht. Grenzkontrolle kann so zu einem mächtigen politischen Instrument werden. So ist es etwa bekannt, dass libysche Behörden Bootsabfahrten immer dann zulassen, wenn es ihnen gelegen kommt, um Druck auf EU-Institutionen auszuüben. Dabei nutzen sie Migrationsbewegungen als Hebel, um finanzielle und diplomatische Unterstützung einzufordern oder sich als vermeintlich effiziente Partner zu legitimieren. 

Leeres Metallboot auf offenen Meer gefüllt mit Rettungsringen

Viele Menschen berichten, dass sie bereits mehrfach versucht haben, das Mittelmeer zu überqueren. Trotz aller Anstrengungen der EU-Staaten, Ankünfte zu verhindern, geben die Menschen ihr Vorhaben, einen sicheren Ort zu erreichen, nicht auf und fordern weiterhin ihr Recht auf Bewegungsfreiheit ein. 

In den letzten Monaten sahen sich zahlreiche zivile Seenotrettungsorganisationen mit Einschüchterungen und Drohungen konfrontiert. In einigen Fällen wurden zivile Schiffe sogar direkt beschossen. Da Schusswaffengebrauch immer öfter vorkommt und durch die Häufigkeit quasi-normalisiert wird, sind zivile Akteure mit einem bisher unerreichten Ausmaß an Gewalt und Bedrohung konfrontiert. 

 
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Menschen auf der Flucht klagen diese Menschrechtsverletzungen und systematische Aggressionspolitik bereits seit vielen Jahren an. Dass diese Gewalt nun auch NGOs betrifft, löst Bestürzung aus und erfordert klare Kante. Angst unter den Mitgliedern dieser Organisationen zu schüren, ist ein Hauptziel dieser Eskalation: Sie zielt darauf ab, die zivilen Blicke vom Meer zu verdrängen. Den die zivilen Akteru:innen sind es, die die Gräueltaten des idealisierten Europas der „Menschenrechte“ offenlegen. So wird auch versucht, NGOs immer weiter nach Norden aus der libyschen Such- und Rettungszone (SAR-Zone) abzudrängen.  

Crew am Arbeiten auf Deck der NADIR
Zwischen Angst und Widerstand 

Mitunter ist es zum Standard geworden, dass zivile Einsatzschiffe und -boote ›geshadowt‹ (Engl. (to) shadow – beschatten) werden – oft von mehreren Booten gleichzeitig und zuweilen auch mehrere Tage am Stück. Im zentralen Mittelmeer sind Bedrohungen und gefährliche Annäherungsmanöver durch Akteure, die sich als „libysche Behörden“ ausgeben, praktisch normalisiert worden. Deshalb musste die Crew der 7. NADIR-Rotation wichtige Entscheidungen treffen, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten: Wann fahren wir weiter nach Süden? In welchem Gebiet verbringen wir die Nacht? Wo ist das Patrouillieren sicherer? Dabei hat die Crew stets versucht, dem obersten Ziel des Einsatzes – der Sicherheit der Menschen auf der Flucht – Priorität einzuräumen. 

charting OP7

Der erste Einsatztag offenbarte sofort die Brutalität dieser Szenarien: Über Funk überhörten wir die Radio-Kommunikation um eine Rückschleppung. Der Offshore-Versorger ONYX, der unter maltesischer Flagge fuhr, kontaktierte die scLCG über Seefunk: Sie hatten etwa 50 Menschen auf einem Schlauchboot gesichtet. Wenig später beobachteten wir von der NADIR aus ein libysches Einsatzschiff mit zahlreichen Überlebenden an Bord, nicht weit von der Position, die die ONYX angegebenen hatte. 

Währenddessen kreuzte ein unidentifiziertes Schnellboot unseren Kurs und beschattete uns über mehrere Stunden. Obwohl sich das Schnellboot weder annäherte noch Kontakt zu uns aufnahm, vermuteten wir, dass es sich um eine Taktik zur Einschüchterung handelte. 

Zweimal im Mittelmeer im Stich gelassen

Am Tag zuvor hatte das zivile Aufklärungsflugzeug Albatross Uno von SOS Méditerranée elf verstorbene Personen gesichtet. Die Crews der Aurora SAR2 und der Sea-Watch 5 hatten einige Leichen lokalisiert und identifiziert. Am frühen Nachmittag des 15. August, während in Italien Ferragosto gefeiert wurde, fand die NADIR-Crew drei Leichen von Verstorbenen in internationalen Gewässern innerhalb der libyschen SAR-Zone. Sie befanden sich in einem fortgeschrittenen Verwesungszustand, was eine Bergung unmöglich machte. Dennoch näherte sich das medizinische Team der NADIR mit dem Beiboot, um die Leichname zu untersuchen und alle Details zu dokumentieren, die für eine spätere Identifizierung nützlich sein könnten. 

Waren das dieselben Leichen, die am Tag zuvor vom Flugzeug gesichtet worden waren? Woher kamen sie? Wer sind die Freund:innen und Familien der Verstorbenen? Hatten sie einen religiösen Glauben? Welche Ruhe kann eine Seele finden, deren Körper zweimal im zentralen Mittelmeer im Stich gelassen wurde? Wer wird ihren Angehörigen Gewissheit geben? Wer wird sie wissen lassen, dass sie nicht mehr auf dieser Erde sind? 

Das Bewusstsein, dass dies nicht die letzten auf See verlorenen Menschenleben sein werden, löste in der Crew Wut und Frustration aus. Diese Todesfälle sind keine Unfälle, sondern kalkulierte Folgen staatlicher Politik. In den meisten Fällen wird über Schiffbrüche und weitere Opfer überhaupt nichts bekannt. 

Optimismus des Willens gegen die Festung Europa

Wenig später, noch in der Nacht, erhielten wir eine E-Mail von Watch the Med – Alarm Phone (AP) über Personen in Seenot. Als wir uns darauf vorbereiteten, die wenigen Stunden zu fahren, die uns von der letzten bekannten Position trennten, erhielten wir eine weitere E-Mail: „AP wurde darüber informiert, dass sie abgefangen wurden“. Der Fall lag nicht weit von der tunesischen Anschlusszone entfernt, in der SAR-Region, in der sich die Zuständigkeiten von Tunesien und Malta überschneiden. Abgefangen von wem? Von der scLCG oder von der tunesischen Küstenwache? 

Menschen auf der Flucht gehen von Board in Lampedusa

Frustration ist ein sehr verbreitetes Gefühl unter denjenigen, die Seenotrettungseinsätze durchführen. Die NADIR setzte ihren Kurs fort. Sechs Stunden nachdem wir die letzte von den schutzsuchenden Personen mitgeteilte Position erreicht hatten, sichteten wir ein kleines Licht in der stockdunklen Nacht: Zehn Menschen auf einem Glasfaserboot wurden aus der Ferne von einem Fischerboot beobachtet. Das Fischerboot fuhr weiter, als wir uns näherten. 

Nachdem alle sicher an Bord der NADIR gehen konnten, machten wir uns zügig auf den Weg nach Norden. Kurz darauf wiesen uns die italienischen Behörden Lampedusa als Hafen zu. 

Blick der EU aufs Mittelmeer: Überwachen, aber nicht retten 

In den folgenden Tagen fuhr die NADIR wieder aus und führte drei weitere Evakuierungen durch. In einigen Fällen geschah dies in scheinbar aussichtslosen Situationen. Dennoch gelang es der Crew, in der Nacht ein kleines Boot zu lokalisieren – vielleicht, weil mit dem Fernglas ein winziges, kaum wahrnehmbares Licht in der Ferne gesichtet wurde. Oder weil ein Objekt auf dem Radar erschien. 

Die NADIR lokalisierte zunächst 36 Personen auf einem Schlauchboot in der maltesischen SAR-Zone und anschließend weitere fünf Personen in den tunesischen Zuständigkeitsgewässern. 

Die Menschen berichteten uns, dass einige Stunden vor unserer Ankunft eine Drohne über sie hinweggeflogen war. Die EU steckt enorme Ressourcen und Geld in die Überwachung und Kontrolle des Mittelmeers – genug, um Menschen in Seenot routinemäßig aufzuspüren. Doch diese Mittel scheinen nur selten eingesetzt zu werden, um sicherzustellen, dass Schutzsuchende tatsächlich gerettet werden. 

Boot mit mehreren Personen auf der Flucht auf dem Meer bei Sonnenuntergang, aufgenommen von NADIR aus.

Günstiges Wetter und die gute Zusammenarbeit mit den Menschen auf der Flucht machten die Evakuierungen sicher und schnell. 

Wie überquert man das Mittelmeer in einem vier Meter langen Schlauchboot? Und das nicht nur einmal: Eine Person erzählte der Crew, dass dies ihr vierter Versuch war, aus Libyen zu fliehen. Vor einem Monat, beim dritten Versuch, war die Gruppe nahe an Malta herangekommen. Nach Tagen auf See schien es, als hätten sie fast die Flucht geschafft. Doch Malta weigerte sich, der Pflicht zur Hilfeleistung nachzukommen. Stattdessen wurden sie von der scLCG abgefangen – weit nördlich, weit außerhalb ihrer SAR-Zone. Sie wurden zurück geschleppt, zurück in Haft, Gewalt und Erpressung. 

Unscharfe Aufnahme eines orangefarben beleuchteten Schlauchboots mit mehreren Personen auf der Flucht auf dunklem Meer bei Nacht.
Warten auf den blauen Vogel 

Zurück auf See folgten mehrere Tage ohne Sichtungen oder Alarme – weder von zivilen Akteuren noch von Strafverfolgungsbehörden. 

Die Stille wurde jedoch bald gebrochen. Über Funk hörten wir Drohungen der scLCG gegen die Aurora SAR2, das Schnellboot von Sea-Watch. Während die Aurora SAR2 auf dem Weg zu einem Seenotfall war, drohten die libyschen Milizen der Crew: „Dreht ab oder wir schießen auf euch!“ Alle Menschen von den zwei Booten in Seenot wurden von der sogenannten Küstenwache abgefangen und an den Ort zurückgebracht, aus dem sie so dringend hatten fliehen wollen. 

Albatross Uno und AP hatten auf einen Seenotfall mit 40 Personen aufmerksam gemacht. Ihr Boot befand sich recht weit südlich, aber der Motor funktionierte noch und es steuerte nach Norden. Nach mehreren Stunden Fahrt gelang es der NADIR, es zu erreichen. Die Crew verteilte Schwimmwesten und nahm sämtliche Personen an Bord der NADIR. Das kleine Schlauchtboot war nur wenige Meter lang. Es wurde zurückgelassen. 

Schlauchboot mit mehreren Menschen auf der Flucht in orangefarbenen Rettungswesten auf dem Meer.

Die Ausschiffung erfolgte auf Anordnung der italienischen Behörden erneut in Lampedusa. Die 7. Crew der NADIR unterstützte 90 Menschen und leistete ihnen – so gut sie konnte – in kritischen Situationen Beistand. 

(Nicht) Willkommen in Europa(?) 

Eine der größten Sorgen unter den Menschen auf der Flucht ist die Frage, was in Europa mit der Person passieren könnte, die das Boot gesteuert hat. Diese Personen werden durch die italienische Politik systematisch als ›Schlepper‹ kriminalisiert, was eine immense Belastung für diejenigen darstellt, die eine erfolgreiche Überfahrt und das Überleben für sich und die anderen Passagiere sichern. Der Vorwurf der „Beihilfe zur illegalen Einreise“ ist rein instrumental: In den meisten Fällen sind diejenigen, die die Boote steuern, selbst Geflüchtete. Die EU nutzt diese Taktik, um Sündenböcke für das Sterben an den Grenzen zu schaffen. So lässt sie Bootsführer:innen als die „wahren“ Schuldigen an „illegaler“ Migration und den darauffolgenden Todesfällen erscheinen. Dadurch werden die Verantwortung der Staaten, die EU-Grenzpolitik und das rassistische Visa-Regime verschleiert.   

Bei jeder Ankunft in Lampedusa erlebten wir eine große Anzahl von Frontex-Mitarbeiter:innen, deren Anzahl die der Schutzsuchenden oft sogar überstieg! Neuangekommene werden direkt nach ihren ersten Schritten auf europäischem Boden befragt. Das ist es, worauf Europa Geld und Mühe verwendet: Ein Feindbild aufzubauen, um die Verantwortung für die Tausenden von Todesfällen abzuwälzen, die seine Politik verursacht. 

Darüber hinaus definiert der neue Pakt des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) einen Rahmen, der zunehmend und tiefgreifend von Rassismus und Gewalt geprägt ist. Die Fiktion der Nichteinreise, beschleunigte Grenzverfahren und neue Definitionen ›sicherer‹ Herkunfts- oder Transitstaaten untergraben das Asylrecht in zunehmendem Maße.

NADIR für Bewegungsfreiheit 

Als Crew sind wir sehr froh, allen begegnet zu sein, die wir getroffen haben, einen kurzen Moment auf ihrer Reise mit ihnen geteilt zu haben und die Solidarität und Unterstützung, die die Menschen einander entgegengebracht haben, fest im Herzen zu tragen. 

Für die NADIR bedeutet der weitergehende Kampf für Bewegungsfreiheit, weiterhin aufs Meer hinauszufahren. Die Gewalt der EU-Grenzpolitik und die Drohungen bewaffneter, von der EU finanzierter Akteure machen uns keine Angst. Wir werden uns ganz sicher davon nicht abhalten lassen. Wir werden wieder rausfahren! 

Einsatzbericht Nr. 7 (08.–29. August 2026), die NADIR-Crew 

Foto credits: RESQSHIP 

 
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