»November–Golf–Oscar« -Schiff empfängt Beleidigungen via Radio: »Fuck you, NADIR. NADIR, fuck you, fuck you!«
Morgens um 3:45 Uhr laufen wir von Lampedusa aus und starten damit unseren Einsatz mit der NADIR. Wir starten direkt unter Hochdruck, denn wir sind auf dem Weg zu einem Seenotfall, über den Watch The Med – Alarm Phone (AP) informiert hat. Die Menschen scheinen sich in der nördlichen maltesischen Such- und Rettungszone (SRR) zu befinden. Auf halber Strecke begegnen wir einem 300er-Patrouillenboot der Klasse Ammiraglio Francese der italienischen Küstenwache, das für Such- und Rettungseinsätze (SAR) auf hoher See ausgelegt ist. Mit hoher Geschwindigkeit fährt es in die uns entgegengesetzte Richtung. Wie sich später heraustellt, hat es die Personen, nach denen wir gesucht haben, bereits evakuiert.
Wir patrouillieren weiter in der südwestlichen libyschen SAR-Zone, bis wir die Suche abbrechen müssen, um rechtzeitig Schutz vor einer heranziehenden Wetterfront zu suchen. Wir nehmen Kurs gen Norden. Als morgens die ersten Sonnenstrahlen den Horizont erklimmen, haben wir eine kurze Begegnung mit der sogenannten libyschen Küstenwache (scLCG). Erst als wir später ein durgehendes Radarsignal rückverfolgen, wird uns klar, dass uns das Schiff bereits seit Stunden verfolgt, bevor es uns als schwarzer Schatten über Steuerbord-Achteraus näherkommt. Es ist ein Boot der Corrubia-Klasse, ein Geschenk Italiens an die libyschen Einsatzkräfte. Über Funk fragen sie uns, ob wir »Migranten an Bord« haben und wollen die Koordinaten eines schwarzen Schlauchboots. Unsere Antwort: NEGATIV. Sie drehen ab und verschwinden.
Wir befinden uns am 11. Mai auf Patrouille und halten Ausschau nach Menschen, die sich ohne ausreichende Sicherheitsausrüstung im rechtlichen Vakuum des zentralen Mittelmeers in Not befinden, als wir plötzlich besorgniserregenden Funkverkehr über VHF hören:
»Libyan Coast Guard, stop shooting. Libyan Coast Guard, stop shooting.«
Kurz darauf sendet das SAR-Schiff Sea-Watch 5 einen Mayday-Ruf ab. Es befindet sich nicht weit östlich von uns, etwa 60 Seemeilen nördlich von Tripolis. Im Verlauf des Tages hören wir immer wieder Funkgespräche zwischen der sogenannten libyschen Küstenwache und dem Rettungsschiff mit. Allein in der ersten Stunde setzt die Sea-Watch 5 zwei Notrufe ab: den ersten wegen Schüssen, den zweiten, weil die libyschen Milizen drohen, ihr Schiff zu entern. Als rund drei Stunden nach den ersten Notrufen endlich ein Frontex-Flugzeug auftaucht und fragt, ob die Sea-Watch 5 Unterstützung braucht, wirkt die Lage zunächst ruhig. Doch wenig später hören wir erneut, wie die Sea-Watch 5 das libysche Miliz-Boot zum dritten Mal über Funk auffordert, die Schikanen einzustellen. Obwohl wir weit entfernt sind, ist die Crew der NADIR emotional extrem involviert und angespannt. Wir sind in höchster Alarmbereitschaft, bereiten uns auf potenzielle Bedrohungen vor.
Eine Woche zuvor hatten die deutschen Behörden die Sicherheitsstufe für die sogenannte libysche SAR-Zone auf Stufe 2 angehoben. Damit erkannten sie offiziell an, wie gefährlich die Übergriffe libyscher Akteure in diesem Gebiet sind – Akteure, die – wohlgemerkt – offizielle Partner der Europäischen Union (EU) sind. Die italienischen Behörden leiteten jedoch keine Ermittlungen gegen diejenigen ein, die das NGO-Schiff bedroht hatten, sondern leiteten ein Strafverfahren gegen den Kapitän der Sea-Watch 5 ein, nachdem die aufgelöste Crew und die Überlebenden einen sicheren Hafen erreicht hatten. Der Vorwurf: Beihilfe zur illegalisierten Einreise.
Abgesehen von diesen besorgniserregenden politischen Machtspielen und mehreren furchteinflößenden Begegnungen mit libyschen Akteuren bleibt das Mittelmeer ruhiger in diesen Tagen. Bis wir eines Morgens einen Mayday-Relay-Ruf¹ von Eagle1 empfangen. Sie haben etwa 30 Meilen nördlich von Zawiyah ein Boot in Seenot gesichtet, das Richtung Norden unterwegs ist. Da wir recht weit entfernt sind, ändern wir den Kurs, ohne uns allzu große Hoffnungen zu machen, die Personen rechtzeitig erreichen zu können. Als wir Stunden später nördlich der gemeldeten Position eintreffen, beginnt auch das Flugzeug Osprey1, Kreise über der entsprechenden Stelle zu ziehen. Es dreht ab, fliegt nach Norden, erreicht uns schließlich und kreist eine Weile über unserem Schiff. Als wir das Flugzeug nach seinen Absichten fragen, bestätigen sie, dass sie nach dem am Morgen gemeldeten Seenotfall suchen, und fliegen kurz darauf zügig ab. Da die Besatzung keine Sichtungen meldet, brechen wir die Suche ab und halten wieder Kurs nach Westen – froh darüber, uns von einem Corrubia-Schiff entfernen zu können, das sich seit Stunden in unserer Nähe hält.
Nur wenig später nähert sich uns ein weiteres Patrouillenboot, dessen Besatzung aggressiv in den Funk schreit. Es sind nicht einmal 24 Stunden vergangen seit den Schüssen auf die Sea-Watch 5. Das schwarze RHIB² scheint förmlich über das Wasser zu fliegen. Sie kommen näher und brüllen immer wieder in das Funkgerät:
»NADIR, NADIR, fuck you, fuck you!«
Nur die scharfen Kurswechselmanöver verraten, wie extrem schnell sie unterwegs sind. Das Schnellboot setzt seine Beschimpfungen über VHF fort und bleibt eine Zeit lang dicht an uns dran. Um die Lage zu deeskalieren, zieht sich die Crew vom Deck zurück und bleibt fern von den Fenstern.
In diesem Moment ist uns klar: Sollten wir auf Menschen in Seenot treffen, würden wir die aggressive Miliz direkt zu ihnen führen. Nach einer gefühlten Ewigkeit dreht das Schnellboot schließlich ab. Die Crew atmet auf und die NADIR setzt ihre Patrouille fort. Später, am selben Tag, treffen wir auf etwa 40 Personen in Seenot auf einem Schlauchboot. Es dauert eine Stunde, bis wir geordnet und sicher Rettungswesten verteilen können. Wir wollen die Menschen schnellstmöglich in Sicherheit bringen, aber es gilt: »Slow is smooth, smooth is fast« (»Langsam ist sicher, sicher ist schnell«) – schließlich befinden wir uns in der libyschen SAR-Zone und haben die ungemütliche Gesellschaft des Tages im Hinterkopf.
In dem Moment, in dem wir gerade zwei Personen auf das Beiboot der NADIR aufnehmen, taucht plötzlich ein Rafnar Professional-Schnellboot auf. Es schiebt sich aggressiv – und komplett fahrlässig – genau zwischen die NADIR, unser Beiboot und das schwarze Schlauchboot mit den 44 Menschen in Seenot. Absolute Stille macht sich bereit. Die Zeit friert ein, ich spüre meinen eigenen Herzschlag. Von der NADIR aus sehen wir, dass die drei maskierten Männer an Bord des Schnellboots Maschinengewehre tragen – die Finger am Abzug. Die nächsten Minuten vergehen wie in Zeitlupe. Sie fühlen sich an wie Stunden.
Einer der Männer vom Patrouillenboot versucht, das Schlauchboot am Bug zu greifen, doch es entgleitet seinen Fingern. Er versucht es erneut. Unter den Insassen bricht spürbar Nervosität aus. Über VHF versuchen wir eindringlich, der Miliz klarzumachen, dass wir uns mitten in einer Evakuierungsaktion befinden und, dass ihr Eingreifen den Einsatz gefährdet – und somit Menschenleben aufs Spiel setzt. Schließlich lassen sie vom Boot ab und ziehen sich zurück. Diese Minuten hätten komplett anders ausgehen können. Voller Erleichterung nehmen wir das Schlauchboot umgehend längsseits der NADIR.
Als alle sicher an Bord der NADIR sind, lassen wir das Schlauchboot abtreiben. Einer der maskierten Männer von dem (200.000 Euro teuren) Rafnar-Schnellboot steigt hinein und versucht, den Motor in Gang zu setzen. Das Bild, wie er es immer wieder vergeblich versucht, verblasst langsam in der Dunkelheit, während wir uns entfernen.
Der Weg nach Lampedusa, dem uns zugewiesenen sicheren Hafen, ist lang. Unterwegs hören wir eine Menge an Funkverkehr mit. Unter anderem spricht ein Osprey-Flugzeug von Frontex offenbar mit der tunesischen Küstenwache über die NADIR. Wir können die Antworten aus Tunesien nicht hören, aber Osprey erklärt, wohin die NADIR fährt, was sie tut, dass sie Schiffbrüchige nach Italien bringt und dass Tunesien sich keine Sorgen machen muss. Sie betonen, dass die NADIR ein NGO-Schiff ist:
«Yes, November–Golf–Oscar boat.»³
Das zweite Boot, dass wir in diesem Einsatz in Seenot auffinden, ist ein hölzerner Doppeldecker. Am frühen Morgen des 18. Mai sichten wir um 05:30 Uhr ein Licht in der Dunkelheit, verlieren es aber wieder und patrouillieren weiter. 20 Minuten später – die aufgehende Sonne bricht mittlerweile durch die Nacht und wirft erste Strahlen auf das Wasser – hören wir plötzlich Stimmen und Pfiffe hinter der NADIR. Da ist ein Boot. Noch bevor die gesamte Crew an Deck ist, sind wir schon nah genug dran, um Kontakt aufzunehmen.
Direkt neben dem Boot liegend bereitet die Crew das Zuwasserlassen des Tenders vor. Alle sind erschöpft. Zwei Meter hohe Wellen lassen den Doppeldecker gefährlich hin und her schwanken. Wir nehmen uns die Zeit, die es braucht. „Slow is smooth, smooth is fast«, wiederhole ich mir auch diesmal. Ich bin angespannt und gehe im Kopf alle möglichen Szenarien durch: Was, wenn der Platz für die Rettungswesten nicht reicht? Was, wenn noch Menschen im Unterdeck sind? Was, wenn sich medizinische Notfälle an Bord befinden – oder Schlimmeres?
Sobald der Tender im Wasser ist, bläst die Crew zur Unterstützung auch die Rettungsinsel auf. Kurz darauf eine erste, verhaltene Erleichterung: Im Unterdeck hält sich zu diesem Zeitpunkt offenbar niemand auf. Trotzdem stellen wir uns auf alles ein – nichts ist sicher, bevor wir uns nicht selbst Gewissheit verschafft haben.
Nach 3,5 Stunden ist es geschafft: Alle 73 Personen sind sicher an Bord der NADIR.
Wir erfahren von den Überlebenden, dass sich zuvor bis zu 50 Personen im Unterdeck gedrängt hatten – bis Wasser in das Boot lief. Darunter auch ein vierjähriges Mädchen. Diese niedrigen Kammern sind besonders gefährlich, da sich dort die giftige Abgasdämpfe des Motors sammeln, die zum Erstickungstod führen können. Die Menschen waren bereits seit über 48 Stunden auf See. Einige von ihnen hatten bereits Versuche unternommen das Mittelmeer zu überqueren, wurden jedoch abgefangen und gewaltsam nach Libyen zurück geschleppt. Kurz vor Mitternacht konnten schließlich alle in Lampedusa an Land gehen.
Wie haben wir diesen Punkt erreicht, an dem das Sterben von Hunderttausenden von Menschen im Mittelmeer, das einst die Zeitungen füllte, heute aber – ein Jahrzehnt verweigerter Rechenschaftspflicht später – von einem unvorstellbaren, aber akzeptierten Ausmaß an Gewalt begleitet wird?
Über 25.000 Menschen sind erwiesenermaßen gestorben.
Wir, die wir die Realität im zentralen Mittelmeer täglich sehen, wissen, dass diese Zahlen nur ein Bruchteil der Realität abbilfet. An einem Ort, an dem die Hoffnung stirbt und Menschen nicht nur ihre Liebsten für immer verlieren, sondern auch strafrechtlich dafür verfolgt werden, wenn sie überleben.
Unsere Rotation endet, ohne dass wir auf ein weiteres Boot in Seenot treffen. Wir machen uns auf den Weg zu unserem Heimathafen – bereit für eine Aufstockung der Vorräte und zum Bunkern für die nächste Crew, die das Mittelmeer patrouillieren wird, um diejenigen zu finden und zu unterstützen, die keine Lobby hinter sich haben und dringend Hilfe benötigen.
Angesichts der vielen Nuancen von Gewalt, mit denen wir konfrontiert sind – von Schüssen auf humanitäre Akteure bis hin zu Menschen, die ins Wasser geworfen, gewaltsam entführt und zwangsweise in Haftzentren zurückgebracht werden, wo sie der Folter ausgesetzt sind; von der Verfolgung von Überlebenden und zivilgesellschaftlichen Organisationen bis hin zu ständigen Drohungen und politischen Manövern, die darauf abzielen, unsere Hilfsmaßnahmen zu behindern; und von der Instrumentalisierung rechtlicher und institutioneller Rahmenbedingungen bis hin zu den sich ständig weiterentwickelnden Repressionsmechanismen – dürfen wir eines nie vergessen:
Das größte Problem ist nicht die Person, die die Kalaschnikov hält, sondern diejenige, die den Einsatz solcher Waffen in diesen Situationen ermöglicht. Und sie ist es, die wir zur Rechenschaft ziehen müssen: Die Europäische Union – Friedensnobelpreisträgerin von 2012 – und ihre Politik, einschließlich der Auslagerung der Grenzkontrolle an Drittstaaten. Die EU trägt die Verantwortung für die Gewalt und Gesetzlosigkeit auf dem Mittelmeer.
Fußnoten:
- Ein Mayday Relay ist die Weiterleitung eines Seenotrufs durch ein drittes Schiff oder Flugzeug, wenn die in Not geratene Besatzung den Notruf nicht selbst aussenden kann oder dieser von den Rettungsdiensten nicht gehört wurde.
- Rigid-Hull Inflatable Boat (deutsch: Festrumpfschlauchboot): Ein stabiles, leichtes und schnelles Boot, das einen festen, V-förmigen Rumpf (meist aus Aluminium oder Glasfaser) mit aufblasbaren Tragschläuchen an den Außenseiten kombiniert.
- Gemäß dem internationalen Buchstabieralphabet der Funktelefonie steht »November Golf Oscar« für N-G-O – die englische Abkürzung für eine Nichtregierungsorganisation (NGO).
Einsatzbericht Nr. 3 – 2026 (2. Mai – 23. Mai 2026), verfasst von Crewmitglied Jelka Kretzschmar
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